Ein Maultier und 40 Morgen sollten die befreiten Sklaven Amerikas nach dem Bürgerkrieg erhalten - als Entschädigung für ein geraubtes Leben und als Starthilfe für ein neues. Bekommen haben sie am Ende nichts, und die Frage, ob Amerika seinen Schwarzen noch etwas schuldet, wird derzeit in Kirchen und Bürgerrechtsorganisationen wieder heftig diskutiert. Ein kleines Stück Land und einen Ochsen gibt heute der indische Staat befreiten Sklaven. Sklaverei ist in Indien verboten, aber das muss in diesen Zeiten nicht viel heißen.

In der Ära der Globalisierung gibt es mehr Sklaven, als seinerzeit von Afrika nach Amerika verschifft wurden. In vorsichtigen Schätzungen geht man von weltweit 27 Millionen aus. Das Paradoxon der Globalisierung bestehe darin, dass sie manchen Menschen und Ländern angeblich zum Sprung in die Moderne verhelfe, andernorts aber zum Rückfall in die Barbarei führe. Dieser Ausspruch des amerikanischen Publizisten William Greider ist der Ausgangspunkt des Buches Die neue Sklaverei von Kevin Bales.

Besser als die deutsche Übersetzung fasst der englische Originaltitel Disposable People. New Slavery in the Global Economy die Quintessenz des Buches zusammen: Die Sklaverei des 21. Jahrhunderts ist deshalb so viel profitabler als vor 200 Jahren, weil die Ware Mensch im Überfluss vorhanden ist. Heute muss man Menschen nicht mehr verschleppen, man kann sie massenhaft aus ihrer Armut in die Sklaverei locken. Heute muss sich der Sklavenhalter keiner rassistischen Ideologie mehr bedienen. Vielerorts gilt er als Vertreter eines nüchternen, modernen Kapitalismus. Heute kann er selbst auf die minimalste Versorgung seiner Objekte verzichten: wenn sie nicht mehr genügend Rendite abwerfen, wenn sie verbraucht sind, werden sie "entsorgt", liegen gelassen, manchmal umgebracht.

"Wegwerfkörper", sagt Bales und schreibt an anderer Stelle: "Die neue Sklaverei eifert der Weltwirtschaft nach, löst sich von Besitzständen und Vermögensverwaltung und konzentriert sich stattdessen auf Nutzung und Kontrolle von Ressourcen und Prozessen." Kevin Bales ist Soziologieprofessor in Surrey und seit Jahren Mitglied des Komitees von Anti-Slavery International. Die Kombination aus Akademiker und Aktivist ist kein Erfolgsrezept, wenn es ums Bücherschreiben geht; doch Bales verbindet seine analytischen Fähigkeiten und sein Engagement mit der Beobachtungsgabe und Hartnäckigkeit eines guten Reporters. Er präsentiert akribisch recherchierte und eindringliche Reiseberichte von Orten, die sonst kaum ein Außenstehender zu sehen bekommt: die Ziegelfabriken im pakistanischen Pandschab, die Baustellen in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott oder die Köhlereien im brasilianischen Mato Grosso do Sul.

Hierher locken die gatos, die Anwerber, Land- und Obdachlose, versprechen ihnen Löhne und Unterkunft für die Arbeit in den batterias, wo sie in infernalischer Hitze Holzkohle brennen. Dort angekommen, schreiben die gatos für "Transport und Verpflegung" exorbitante Schulden an, die abgearbeitet werden müssen und doch nie kleiner werden. Sie nehmen den Männern die Papiere ab, bewaffnete Schläger kontrollieren das Lager und "von diesem Augenblick an, ist der Arbeiter als Staatsbürger gestorben und als Sklave geboren".

Ist der umliegende Wald nach etwa zwei Jahren gerodet und zu Holzkohle verarbeitet, wandert die batteria weiter. Die Sklaven lässt man, wenn sie verbraucht sind, zurück. Wer noch arbeiten kann, geht oft "freiwillig" mit, weil er ohne Geld und Papiere keine Fluchtmöglichkeit hat. Die Holzkohle wird in die Stahlwerke nach Minas Gerais geliefert, deren Stahl die mexikanische Autoindustrie ankauft, die wiederum ihre Produkte nach Nordamerika liefert. Das Auto für den kanadischen oder amerikanischen Käufer ist nicht zuletzt deshalb billig, weil am Anfang der Herstellungskette Sklavenarbeit steht, deren Spuren sich in einem wirren Geflecht von Subunternehmen verlieren. "Ein perfektes Beispiel für die moderne Sklaverei", schreibt Bales, "gesichtslos, vorübergehend, äußerst profitabel, gesetzeskonform getarnt und vollkommen rücksichtslos."

Die Geschäftspraktiken der Sklavenhalter zu recherchieren, ist mühsam und riskant, doch mithilfe von Kontaktleuten vor Ort bringt Bales alle zum Reden. Die Sklavenhalter, die Anwerber, die Mittelsmänner, Vertreter des Staates, die Betroffenen selbst. Das sind nüchterne Dialoge mit Menschen, von denen manche sich ein Leben außerhalb der Sklaverei gar nicht mehr vorstellen können, andere immer wieder nach Auswegen suchen. Auf den Staat können sie nicht hoffen. Der hat zwar alle internationalen Abkommen gegen Sklaverei unterzeichnet, doch Polizei und lokale Behörden verdienen mit, und fangen, wie in Pakistan oder Thailand, Flüchtlinge wieder ein. Indien ist derzeit das einzige Land, das befreiten Sklaven mit wirtschaftlicher Hilfe zur Seite steht, doch auch dieses Programm wird in vielen Regionen von Korruption und Inkompetenz sabotiert.