In einer bestimmten Zeit und für ein bestimmtes Milieu ist der Filmregisseur Woody Allen einer der einflussreichsten Künstler gewesen. Ja, ungefähr so werden es die Kulturhistoriker in 100 Jahren ihren Studenten erklären. Eine Doktorarbeit wird den Titel tragen: Woody Allen und die europäischen Intellektuellen des späten 20. Jahrhunderts. In ihr wird wahrscheinlich der Satz stehen: "Um das Jahr 2000 herum ließ Allens Einfluss auf das europäische Denken allmählich nach."

Seine Fans und die Kritiker waren der Ansicht, seine Filme seien schwächer geworden. Aber vielleicht stimmte das nicht, vielleicht hatten sie sich selbst verändert. Vielleicht war die Zeit inzwischen reif für einen härteren, zynischeren Humor. In Deutschland hieß die komische Leitfigur der Intellektuellen jetzt Harald Schmidt. Woody Allen war plötzlich altmodisch geworden. Aber wieso?

Ein Philosophieprofessor hat einen längeren Essay über Allen verfasst, über seine Art der Komik und die geistige Haltung, die sich dahinter erkennen lässt. Vittorio Hösle, Jahrgang 1960, lehrt in den USA. Die ernsten Filme Allens vernachlässigt er. Sein Buch war fällig, denn Allen-Biografien gibt es genug, darunter eine sehr gute von Eric Lax. Jetzt möchte man eine Woody-Allen-Theorie haben, und Professor Hösle erfüllt dieses Bedürfnis auf klassische Weise. Sein Text ist in einen allgemein humortheoretischen Teil (Schopenhauer! Bergson! Freud!), einen spezifischen Allen-Teil und einen filmanalytischen Teil säuberlich gegliedert, am Ende steht, wie es sich gehört, die zusammenfassende Conclusio, alles furchteinflößend akademisch geschrieben, im allertrockensten Proseminar-Sound. Wer über Komik schreibt, sollte nicht versuchen, selbst amüsant zu sein, und Vittorio Hösle beherzigt diese Regel so gründlich, dass es fast ein wenig übertrieben wirkt.

Komische Helden sind unter der Schminke ein bisschen traurig

Hösles Stil funktioniert ungefähr so: "Das impliziert erstens, dass die Theorie der Unangemessenheit mit den anderen Theorien kompatibel ist, da sie verschiedene Seiten der Problematik behandeln; und es ist zweitens offenkundig, dass allein die Theorie der Unangemessenheit die Grundlage einer normativen Theorie des Komischen sein kann." Es handelt sich, anders gesagt, um die Sorte von Text, über die Woody Allen sich gern lustig macht. Denn Allen, schreibt Hösle, ist ein antiintellektueller Intellektueller. Die eigene Intellektualität empfindet er keineswegs als befreiend, sondern als Ursache seiner Schwierigkeiten.

In fast allen seiner Filme und Geschichten tauchen Akademiker und andere kluge Menschen auf, Therapeuten zum Beispiel, aber fast immer als negative Figuren. Sie sind geschwätzig. Sie geben an. Sie sind arrogant und dreschen leere Phrasen. In Wirklichkeit aber, so lehrt Allen, sind das Leben und seine Probleme banal, mit den Theorien der Intellektuellen hat das wahre Leben nichts zu tun.

In den Filmen verachten die Akademiker meistens Woody, die Kunstfigur, die Allen unter verschiedenen Namen auftauchen lässt und selbst spielt. Woody aber stellt, im Gegensatz zu den Intellektuellen, die richtigen Fragen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Beispiel. Woodys Ernst, sein Enthusiasmus und seine Begeisterungsfähigkeit für die Kunst, die Philosophie und die Liebe unterscheiden ihn von den geschwätzigen und selbstverliebten Intellektuellen.