Wenn man alle Menschen in der Welt dazu bringen könnte, andere ebenso zu lieben wie sich selbst, würden sie dann noch eine pietätlose Einstellung zeigen? Wenn man fremde Personen seinem eigenen Ich gleichstellt, wer würde dann noch Gewalttaten verüben? Stammt das von Meister Je Sus (1. Jahrhundert u. Z.)? Nein, Meister Mo Di, der "Proto-Christ" und "Protosozialist" der chinesischen Philosophie, dem noch der "arme Bert Brecht" in seinem Buch der Wendungen folgt, hat es im 5. Jahrhundert v.u.Z. gesagt.

"Der ,Weg', den man als ,Weg' bezeichnen kann, ist nicht der ewige ,Weg', der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Name." Stammt das von Meister Eckart, Juan de la Cruz, Jakob Böhme oder Angelus Silesius? Nein, Meister Laozi hat es vermutlich zu Anfang des 3. Jahrhunderts v.u.Z. im Daode jing gesagt.

"Alle ,Bedeutungen' verweisen zwar auf ,Dinge', bei Aussagen aber werden nicht reale ,Dinge' bestimmten ,Bedeutungen' zugeordnet, sondern nur ,Bedeutungen' anderen ,Bedeutungen'." Stammt das aus dem berühmten Dialog Kra-Ty-Los des noch berühmteren Meisters So-Kra-Tes oder aus Ferdinand de Saussures Cours de linguistique générale? Nein, der chinesische "Sophist" Gongsun Long hat es im 3. Jahrhundert v.u.Z. im Traktat Über Bedeutungen und Dinge etwa so gesagt.

"Gibt es denn also überhaupt keinen Unterschied zwischen ,gut' und ,böse'?", fragt der Schüler. Der Meister erwidert: "Der Zustand jenseits von ,gut' und ,böse' ist der Ruhezustand ... ,Gut' und ,böse' erscheinen erst, wenn die Lebenskraft in Unruhe versetzt wird. Ist sie nicht in Unruhe, so gibt es weder ,gut' noch ,böse'." Stammt das von Meister Za-Ra-Thus-Tra? Nein, Meister Wang Shouren hat es zu Anfang des 16. Jahrhunderts u. Z. so gesagt.

Vier Beispiele aus vier philosophischen Himmelsrichtungen, die geeignet sind, uns eine so fremde Welt wie die der chinesischen Philosophie näher zu bringen und den Alleinvertretungsanspruch des eurozentrischen Denkens zu relativieren. Der 1997 verstorbene Münchner Sinologe Wolfgang Bauer, vor drei Jahrzehnten bekannt geworden mit seinem Werk China und die Hoffnung auf Glück, einem Cicerone durch die Paradiese und Utopien der chinesischen Geistesgeschichte, zitiert sie in seiner postum erschienenen Geschichte der chinesischen Philosophie.

Konfuzius aber sagt: Lebe glücklich, lebe gut

Das Buch ist vorzüglich geschrieben, auch für Laien gut verständlich. Es verliert die Rahmenbedingungen der Philosophie nicht aus dem Auge. Es vermittelt Unvertrautes, ohne penetrant assimilatorisch zu werden. Besonders geglückt die Kapitel über die Auseinandersetzung zwischen der konfuzianischen Tradition und dem Buddhismus in China, wohl zu unterscheiden vom chinesischen Buddhismus, mit dem Daoismus als "dritter Kraft". Nur am Schluss enttäuscht Bauers Darstellung. Über das Verhältnis von Mao Dze Dong und Mo Di, von Konfuzianismus und Kulturrevolution, insgesamt über die Philosophie des 20. Jahrhunderts hätte man doch noch gerne etwas erfahren.