Der Harvard-Zoologe Stephen Jay Gould hat in seinen Büchern betont, wir hätten keinen Grund, uns gegenüber anderen Mitgeschöpfen als die Krone der Schöpfung zu fühlen. Bakterien und andere mikrobielle Erreger sind viel älter als die Menschheit, und es gibt sie in ungleich größerer Zahl und Vielfalt. Von ihrer Entwicklungsgeschichte her sind sie die erfolgreichsten Organismen der Erde und nicht etwa Homo sapiens, der bereits von ein paar Schnupfenviren aufs Lager geworfen werden kann.

In Laurie Garretts Bericht über Das Ende der Gesundheit wimmelt es von Keimen und Bazillen. Die amerikanische Biologin und Wissenschaftsjournalistin lässt sich durch die Macht der Krankheitserreger nicht von ihren unerschrockenen Recherchen rund um den Globus abbringen. Sie reist 1994 ins indische Surat, kurz nachdem dort eine Pestepidemie ausgebrochen ist. Etwa 500 000 Einwohner verlassen binnen einer Woche panisch die Stadt. Garrett fahndet in Hospitälern, Elendsvierteln und Leprastationen nach den Ursprüngen des Leidens, ist sich auch für Ratten und Flöhe nicht zu schade.

Die uralte Angst vor dem Unsichtbaren, vor Miasmen und vor Ansteckung

Als 1995 in Zaire das hämorrhagische Ebola-Fieber nach 1976 erneut aufflackert, fährt sie in die am schlimmsten betroffene Stadt Kikwit. Sie berichtet von Patienten, die in ihren Blutlachen sterben, und von Toten, die aus Angst vor Ansteckung nicht von ihren Angehörigen bestattet werden. Garrett bereist das postkommunistische Russland, spricht mit Tuberkulosekranken und HIV-Infizierten, beschreibt die Zustände in den Gefängnissen, die Macht der Drogenkartelle und den Mädchenhandel. Sie schildert die Zustände am Straßenstrich in osteuropäischen Metropolen und belegt ihre Beobachtungen mit epidemiologischen Daten über die Zunahme von Geschlechtskrankheiten und die Verbreitung der Erreger.

Garrett vermittelt umfangreiches Wissen über Infektionswege und Keimnachweise. Ein spannendes Thema streift sie nur kurz: die Mythen und Verschwörungstheorien, die sich nach dem Ausbruch von Seuchen bilden. Während der Pest in Indien ist von pakistanischer Rache die Rede, von US-Experimenten, regierungsfeindlichen Ressentiments oder einem russischen Forscher, der durchgedreht ist. Auch Ebola in Zaire und Tuberkulose in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion wurden auf fremde Mächte zurückgeführt.

Die Autorin kann erzählen. Bildhaft beschreibt sie etwa das indische Ganescha-Fest, das zu Ehren des elefantenköpfigen Hindu-Gottes ausgerichtet wird. Die unübersehbare Menschenmenge, die sich an Tänzen und Gesängen berauscht, bietet allerdings nicht nur exotische Folklore, sondern auch ein ideales Reservoir und Verbreitungsgebiet für allerlei Keime. Garrett weiß um die Angst des Lesers vor dem Unsichtbaren, die uralte Furcht vor Miasmen und Ansteckung. Dieser kulturelle Topos hat ihrem 1996 auf Deutsch erschienenen Buch Die kommenden Plagen eine Auflage von mehr als 300 000 Exemplaren beschert.

Garrett schaut auch diesmal durch das Mikroskop der Epidemiologin auf die Nährböden der Welt. Dabei macht sie nicht nur verschmutztes Trinkwasser, unhygienische Krankenhäuser und fehlende Aufklärung als Wegbereiter der Seuchen aus, sondern auch die gestiegene Mobilität der Menschen. Bacillus anthracis, Yersinia pestis, Mycobacterium tuberculosis und Co. könnten sich nach einigen Jahren Inkubationszeit als die Nutznießer der Globalisierung erweisen. Und das nicht nur in den armen Regionen der Welt. In den USA hat die Zahl der Infektionen mit so genannten multiresistenten Erregern seit 1980 deutlich zugenommen.