Wir leben in einer Selbstdarstellungsgesellschaft und kultivieren die Kunst, uns selbst zu vermarkten. Der Prototyp dieser Gesellschaft ist der außengeleitete Mensch, ihr oberster Wert Erfolg, und zwar der gnadenlose: Ruhm, Reichtum, Macht. Einfluss. Erfolgsmanagement ist einer der lukrativsten Märkte in der postindustriellen Ära. Alles folgt dabei dem Prinzip des Karrierismus: "Berühmtheit gibt es aufgrund von Vorurteilen, übertriebenem Ansehen und konventioneller Bewunderung."

Dieses Motto, das einem lärmenden, kriterienlosen Zeitgeist huldigt, könnte hinter jedem Erfolgsbestseller unserer Tage stehen, in dem die Sucht nach Bekanntheit als demokratisches Grundrecht begriffen wird. Geschrieben hat den Satz aber Maurice Joly, Anwalt und Journalist, im Jahr 1867, als er wegen seines Hauptwerks über Macht und Recht 24 Monate im Gefängnis verbrachte. Jolys Handbuch des Aufsteigers, damals selbstredend anonym verlegt, ist ein Leitfaden des Reüssierens in sechs Kapiteln, der als Voraussetzung für Erfolg nur eines erkennen mag: den beschränkten Geist.

Jolys erfolgsphilosophische Aperçus und Lebensweisheiten, seine zwischen Ironie, Selbstironie und melancholischer Wut changierenden Karrieristen-Imperative ergeben nicht nur, wie er sich selbst lobt, "ein Buch, das (...) eine der klarsten Errungenschaften der positiven Philosophie darstellt". Mit Scharfsinn, in spottfroh-lakonischem Stil huldigt er dem Prinzip Schwäche, das er als anthropologischen Grundtatbestand ausgibt: "Es ist Gott recht klar, daß wir ein Volk von eitlen Gecken sind, die sich vor Neid verzehren."

Was also tun, wenn nicht sinnlos leben und ruhmlos sterben? Aufsteigen! Aber wie? Durch die richtige Anwendung der Verlogenheit, des opportunistischen Kalküls, der berechneten Schmeichelei. Ein bisschen Chuzpe, eine Prise Unterwürfigkeit, ein Lächeln. Für die taktvoll taktlose Ars corrumpendi fährt der Ratgeber gewichtige Kronzeugen auf: Talleyrand, Cromwell, Mirabeau, den Kardinal Richelieu - Großkünstler des höfischen Lavierens, der diplomatischen Verschleierung und zwischenmenschlichen Täuschung. In ihrer Intrigenfertigkeit scheiden sich Karrierekapitalist und Moralist: Talerregen oder feuchter Händedruck, man hat die Wahl! Mit ätzender Bewunderung seziert Joly die Laufbahnen der Eitelkeit, die kalkulierten Kabalen jener "dicken, fetten", von grundlosem Ruhm sich nährenden Parvenüs, die früher wie heute den öffentlichen Raum besetzen. Grundlage der von machiavellistischer Kühle angehauchten Jolyschen Erfolgsanleitungen ist die Melange aus Borniertheit, Besessenheit und Zynismus. "Die Kunst, Menschen zu zerstören, ist ein Gegenstand größter Bewunderung im Bewußtsein der Allgemeinheit."

Wie man also das Volk belügt und ausnutzt, wie man sich in Szene setzt, verstellt, Gunst und Ansehen erschleicht: Daraus besteht das Handwerkszeug des politischen Aufsteigers, dem Joly ein Lob des Ekels ausspricht. Manchmal ereilen den Autor dabei Anfälle von satirischer Hitzigkeit, sogleich von ehrlicher Verzweiflung. Manchmal wirkt das Ganze auch etwas redundant, was der Leser aber gern in Kauf nimmt: Ein Handbuch über den Erfolg muss seinen Anspruch auch formal vollziehen, seine Thesen einhämmern, das leuchtet ein.

Am schönsten sind die zeitlosen Schmeichler- und Heuchler-Attitüden im Bereich der Kunst, Poesie und Literatur: die Pfauenräder literarischer Schwadroneure, die Herrschaft der Antitalente, die Regentschaft von Niedertracht und Dummheit, die Dauererregung des Medienbetriebs, das künstlerische Katzengold. Der schöne Schein der Prominenz, kurzum: Wichtigkeitsonanie. Hätte das Privatfernsehen eine bessere Grundlagentheorie finden können? Jolys zuweilen herrlich zynischer, mit leichter Feder diktierter Leitfaden passt aufs vorzüglichste zum heute herrschenden Celebrity-Zeitgeist mit seinen Prominenzneurosen und think positive-Platitüden.

"Über den notwendigen Grad an Beschränktheit, Plattheit, Unredlichkeit und Unfähigkeit, um in der heutigen Zeit seinen Weg zu machen": Erfolgreich im Sinne seines amoralischen Antichambreurs war Maurice Joly nie. Unbekannt, zu wenig einfältig wohl, ein literarischer Außenseiter, nahm er sich 1878, kurz vor seinem 50. Geburtstag, das Leben.