Nun ist der Zug unterwegs, und in den Abteilen versammeln sich die Reisenden, um zu überlegen, ob sie denn hatten mitfahren wollen. Wenn ja, wohin sollte es gehen? Kann einer Einfluss auf die Route, das Tempo nehmen, kann einer bremsen? Gar aussteigen? Allein? Alle zusammen?

"Künstliche Befruchtung und Transplantationsmedizin, Gendiagnostik und Gentherapie sind ohne Zweifel Innovationen, die von der Medizin weitgehend unbefragt auf den Weg gebracht wurden. Mit den Folgen und der Frage nach der Wünschbarkeit konnte sich die Gesellschaft erst befassen, als der Zug bereits abgefahren war." Dies steht auf Seite 208 von Andreas Kuhlmanns Buch über die Biomedizin in der liberalen Demokratie, Politik des Lebens, Politik des Sterbens, das zuvor über 200 Seiten das Selbstbestimmungsrecht der Einzelnen gegen die Risiken der Freiheit abwägt.

Der Philosoph Kuhlmann ist spätestens seit seinem Buch über Abtreibung und Selbstbestimmung (1996) ein ausgewiesener Kenner der Materie. Nun zeichnet er das Porträt einer Gesellschaft aus "gesunden Kranken", die auf der Suche nach Krankheitsdispositionen immer mehr in Gefahr sind, sich vom Tod regieren zu lassen. Aber eben auch in Gefahr, im Dschungel des Medizinsystems ihre Souveränität einzubüßen. Was bleibt zu entscheiden?

Während die Zeitungen melden, dass die Transplantation von embryonalen Zellen bei Parkinson-Patienten auch schädigend wirkt, will Kuhlmann die Kontroverse zwischen einer therapeutischen Perspektive, die den biomedizinischen Fortschritt befürwortet, und der Phalanx der medizinkritischen Stimmen darstellen. Es ist ein Kompendium der Positionen zur Biomedizin, interpretiert im Namen der Freiheitsrechte, das er dem Leser überreicht, und die Legitimität dieser Stimmen will er prüfen. Wie kann "ein wertplurales und liberales politisches Gemeinwesen zu einigermaßen tragfähigen Regelungen hinsichtlich neuer therapeutischer Angebote gelangen, die den Wertvorstellungen und Rechtsansprüchen der einzelnen Rechnung tragen"? So heißt die Frage, endlich einmal machtpolitisch gestellt.

Kuhlmanns Ausgangspunkt ist die individualisierte und säkularisierte Moral der Einzelnen, die über die Maßstäbe ihrer Lebensweise selbst befinden. Das liberale Urversprechen sei die Wahlfreiheit, sagt er. Dem geht er nach. Wie? Zunächst indem er die Vorgeschichte des Urversprechens in Erinnerung ruft, als wolle er den Leser zur Wertschätzung seiner Freiheiten einladen. Denn angenehm ist das nicht, wenn ein Geländer zum Festhalten fehlt, wenn niemand mehr allgemein verbindlich angeben kann, was in den Grenzbereichen das Leben ist, was der Tod. Wenn jede entschiedene Haltung in einer säkularen Gesellschaft unweigerlich relativ wird. Angenehm oder nicht: Die Situation ist in einer liberalen Demokratie ohne Alternative, und Kuhlmann versteht sie vor dem Hintergrund der Eugenik des 20. Jahrhunderts als Fortschritt.

Angenehm ist das nicht, wenn ein Geländer zum Festhalten fehlt

Also erinnert er an die Geschichte der menschlichen Eingriffe ins Leben, die auf eine Optimierung des Erbgutes zielten - durch Geburtenkontrolle, Sterilisationsgesetze (etwa im demokratischen Dänemark 1929), durch die nationalsozialistischen Verbrechen der staatlichen Rassenhygiene und Menschenvernichtung; erinnert auch an die fantastischen Hoffnungen auf genetische Menschheitsoptimierung, wie sie 1939 auf dem "Siebten Internationalen Kongreß für Genetik" Ausdruck fanden.