Gibt es afrikanische Philosophie? Noch im Frühjahr 1994 war etwa im Merkur Gegenteiliges zu lesen. Mit einer in deutschen universitären Kreisen nicht unüblichen Hochnäsigkeit gegenüber der wissenschaftlichen Produktion außerhalb Europas und Nordamerikas urteilte der Publizist und Philosoph Willy Hochkeppel nass-forsch: "Inhaltlich aber, substantiell, ist so etwas wie afrikanische Philosophie nicht in Sicht, nicht einmal, wenn man den ohnehin nachgiebigen Philosophiebegriff ins Beliebige ausdehnte." Dieses Zitat dient derweil der kleinen Schar von Autoren, die sich im deutschsprachigen Raum um die Vermittlung philosophischer Debatten aus und über Afrika bemühen, als Beispiel für die Ignoranz des Mainstreams.

Der Philosoph Ulrich Lölke stellt Hochkeppels Verdikt an den Anfang seiner Doktorarbeit. Auch er will gegen eine Haltung anschreiben, die Afrika als "Stellvertreter einer radikalen Differenz, des ganz Anderen" verortet. Zugespitzt charakterisiert er diese Attitüde als "Provinzialisierung des europäischen Denkens im ungebrochenen Beharren auf Selbstreferentialität", auf das Kreisen um den eigenen Nabel. Es geht ihm darum, einige der Perspektiven einzufangen, die afrikanische Philosophen in Auseinandersetzung mit der europäischen Geistesgeschichte entwickelt haben. Dabei ist ein originelles Buch entstanden, für Nichteingeweihte leider schwer zugänglich. Der Autor verpackt zahlreiche kluge Gedanken in eher verworrene Formulierungen und zuweilen nicht enden wollende Sätze.

Nach welchen Kriterien kann ein philosophischer Text als "afrikanisch" etikettiert werden? Lölke zitiert die pragmatische Definition Paulin Hountondjis: "Als afrikanische Philosophie bezeichne ich eine Gesamtheit von Texten, genauer gesagt, jene Gesamtheit von Texten, die von Afrikanern verfaßt und von den Autoren selbst als philosophisch qualifiziert werden." Wie Lölke zu Recht herausstellt, umgeht der Beniner Philosoph mit dieser Eingrenzung jedoch zentrale Fragen, zum Beispiel "Was ist ein Text?" oder "Was kann legitim als ,philosophisch' bezeichnet werden?". Er selbst macht es sich allerdings gleichfalls ein wenig zu leicht, wenn er schreibt, ein Einverständnis über diese Probleme sei unmöglich und sogar unnötig.

Lölke zufolge ist der philosophische Diskurs in Afrika nicht zuletzt als Reaktion auf den Kolonialismus zu verstehen. Die These versucht er zunächst detailliert am Beispiel der Négritude zu exemplifizieren. Diese literarisch-politische Strömung entstand im Paris der 1930er Jahre. Léopold Sédar Senghor und Aimé Césaire gehörten bekanntlich zu ihren maßgeblichen Geburtshelfern. Doch es war Jean-Paul Sartre, der die Négritude in seinem klassischen Essay Der schwarze Orpheus emphatisch analysierte und ihr so, wie Lölke spöttisch bemerkt, gleichsam die Weihe gab, Teil des Weltgeistes zu sein. Sartre konstruierte die Négritude als einen "anti-rassistischen Rassismus", dessen Aufgabe es sei, "sich seiner Rasse bewußt zu werden". Senghor hingegen, dessen sich aus vielen Quellen speisendes philosophisches Konzept Lölke gut aufzeigt, stellte die äußerst kontroverse These auf, Afrikaner eigneten sich die Welt nicht wie die Europäer mit Vernunft, sondern mit Emotionen an.

Parallel zur Négritude entstand eine später als Ethno-Philosophie bezeichnete Debatte, die eng mit dem Werk des flämischen Missionars Placide Tempels verknüpft ist. Der hatte behauptet, "Lebenskraft" (muntu) sei das Grundprinzip des Denkens und Handels aller Afrikaner. Die Kritik an diesen beiden Richtungen mündete in vielfältige philosophische Strömungen, die Lölke nachzeichnet. Westliche Philosophen, meint er, müssten ihren Alleinvertretungsanspruch auf die Universalität der Philosophie infrage stellen. Niemand hat das besser formuliert als Kwame Anthony Appiah, der in Harvard lehrende Philosoph britisch-ghanaischer Abstammung: "Die Frage, was es heißt, modern zu sein, sollten Afrikaner und Abendländer gemeinsam stellen. Meine These ist, dass niemand von uns verstehen wird, was Modernität ist, bevor wir uns nicht untereinander verstehen."

Ulrich Lölke:Kritische Traditionen Afrika. Philosophie als Ort der Dekolonisation; IKO/Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt 2001; 250 S., 39,80 DM