Im anschwellenden Stimmengewirr um Gentechnik, Reproduktionsmedizin, Nanotechnologie und Robotik ertönt bei allen Meinungsverschiedenheiten ein gemeinsamer Sorgeruf: die Befürchtung, dass unsere überlieferten Maßstäbe der Wucht des naturwissenschaftlichen Fortschritts nicht mehr gewachsen sind. Von "moralischen Dammbrüchen" ist die Rede oder davon, dass "ethisches Neuland" betreten wird, auf dem die herkömmlichen Werte ihre Gültigkeit verloren haben. Erstaunlich sind diese Warnungen, weil sie unterstellen, es habe ein fest gefügter Kanon an Regeln existiert, der nun in Auflösung begriffen ist und uns nötigt, neue ethische Modelle zu finden, um mit den technologischen Innovationen Schritt halten zu können.

Die menschliche Moral ist jedoch kein Navigationssystem, das sich durch ein Update auf den aktuellen Stand bringen lässt. Sie beruht auch nicht auf einem allgemeinen Fundus an Prinzipien und Gesetzen, die auf konkrete Fälle angewendet werden. Wer moralisch handelt, folgt weder rechtsähnlichen Vorschriften noch durchweg rationalen Gründen. Er handelt aus der Überzeugung, dass das, was er tut, für alle Beteiligten das Richtige ist. Man kann die Gründe hierfür erläutern, aber nicht rechtfertigen. Was wir für ethisch richtig halten, hat seine Wurzeln deshalb nicht in theoretischen Modellen, sondern in praktischen Lebensverhältnissen. Wir müssen das Bewusstsein des moralisch Gebotenen schon mitbringen, um es realisieren zu können.

Ohne Netz in den Arenen der technologischen Welt

Auch der Philosoph Robert Spaemann vertritt diese Position, wie der vorliegende Band mit Aufsätzen, Reden und Beiträgen aus den letzten 40 Jahren belegt. Spaemann sieht den Grund der Moral in einem ursprünglichen "Wissen des Guten", das jeder reflexiven Stellungnahme zu ethischen Normen vorausgeht. Nicht die vernunftgeleitete Einsicht in kategorische Pflichten, aber auch nicht der Wille zur Verbesserung der Welt garantiert die "Sittlichkeit" unseres Handelns, sondern die Übereinstimmung mit der in sich sinnvollen Praxis menschlicher Existenz. Kriterium des richtigen Handelns ist die Beförderung der eudaimonia, der Glückseligkeit, die dazu führt, das wir etwas um seiner selbst willen tun. "Sittliche Verhältnisse", so Spaemann, "sind nicht Mittel zum Zweck, sondern integrierende Bestandteile der Gesamtheit eines ,richtigen Lebens'".

Spaemann geht es um die Aktualisierung der klassischen (und das heißt: antiken) Moralphilosophie, die er gegen die moderne Diskursethik und den Utilitarismus wieder in ihr Recht setzen will. An die Stelle der Überprüfung von Geltungsansprüchen und die Maximierung des Nutzens soll die Einsicht in die Werthaftigkeit einer Wirklichkeit treten, die vor jedem Argumentieren ihre Überzeugungskraft entfaltet. Es gibt nach Spaemann eine "basale Normalität", hinter die wir nicht zurückgehen können, ohne unser menschliches Selbstverständnis zu verletzen. Diese Normalität umfasst sowohl den Bestand tradierter Konventionen und gesellschaftlicher Üblichkeiten als auch ein Leben gemäß den Zwecken der Natur. Sie setzt unserem Handeln dadurch "Grenzen", dass wir seine Abhängigkeit von Umständen erfassen, die wir nicht selbst erschaffen haben.

Der Mensch ist, frei nach Aristoteles, ein "hypoleptisches" Wesen, eingesponnen in ein Geflecht aus Gewohnheiten und Wahrheitsvermutungen, zeitlicher Knappheit und biologischer Hinfälligkeit unterworfen. Er benötigt daher verlässliche Orientierungen und eine probate Urteilskraft, mit der sich Entscheidungen finden lassen. Er braucht Charakter, Taktgefühl und einen Sinn für die Verantwortlichkeiten, die ihm durch seine exponierte Stellung in der Natur zufallen, ohne sich zum Sündenbock für Fehlentwicklungen zu machen, deren Verhinderung nicht in seiner Macht stand.

Spaemann möchte mehr. Er will die Moral vor ihrer eigenen Unbestimmtheit bewahren. Zu diesem Zweck löst er sie aus den relativen Bezügen des profanen Daseins heraus und verankert sie im "Absoluten": Nur der Glaube an eine göttliche Dimension der Welt gewährleiste die Richtigkeit unserer Überzeugungen, erst die "jenseitige Hoffnung" verleihe dem Denken seine "innere Einheit", durch die sich das Gute offenbart. Diese Verschmelzung von Metaphysik und Ethik ist jedoch alles andere als zwingend. Im Gegenteil, sie unterwirft die Vielfalt unserer moralischer Ansichten der unantastbaren Heiligkeit des Lebens und beschränkt die Freiheit des Menschen darauf, den Geboten der Schöpfung Folge zu leisten.