Die Wissenschaft sorgt sich um ihr öffentliches Ansehen. Eine ungewohnte Beschäftigung für einen Stand, der sich lange in der Bewunderung der Bevölkerung sonnen durfte. Gewiss gab es Skandale, aber selten war der Imageschaden wirklich verdient oder betraf gar die Zunft als Ganze. Doch in letzter Zeit reagiert man zunehmend nervös. Geradezu traumatisch wirkte der Fall eines geachteten Krebsforschers, der vor drei Jahren beim Datenfälschen erwischt wurde, woraufhin die großen Wissenschaftsorganisationen in Windeseile Empfehlungen gegen wissenschaftliches Fehlverhalten erarbeiteten.

Immerhin hat man viel zu verlieren: Noch genießt die Wissenschaft hierzulande unter den Institutionen das zweitgrößte Vertrauen nach dem Bundesverfassungsgericht. Noch reizt das Ansehen der Professoren den Beobachter zu kirchlichen Metaphern, und noch ragen ihre elfenbeinernen Altbauten weit über den moralischen Morast, in dem der Bürger Politik, Wirtschaft und inzwischen auch die Medien versinken sieht.

Doch es mehren sich die Anzeichen dafür, dass diese Erhabenheit der Wissenschaft über den Rest der Gesellschaft akut gefährdet ist. Der Bielefelder Wissenschaftssoziologe Peter Weingart befasst sich seit Jahren mit diesen Anzeichen. Nun hat er die - für sich genommen keineswegs neuen - Symptome in einem Buch zusammengetragen, das durch drei Eigenschaften besticht: den Reichtum an wohlgeordneten Fakten, die historische Tiefenschärfe und das Fehlen jeglicher Theorieschnörkel, die einem die Lektüre verleiden könnten. Weingarts handfeste Thesen könnten nachhaltiger aufhorchen lassen als mogelnde Mediziner und andere Kalamitäten, von denen niemand weiß, ob es nur Einzelfälle sind oder Eisbergspitzen. Auch als Einzelfälle sind sie für Weingart Symptome eines fundamentalen Wandel, der in unserem Wissenschaftssystem im Gange ist.

Grundmotiv dieses Wandels ist die schwindende Distanz der Wissenschaft zu den übrigen sozialen Sektoren: der Politik, der Wirtschaft und den Medien. Dabei lag das Geheimnis des Erfolges der modernen Wissenschaft seit ihrer Entstehung im 17. Jahrhundert in ebendieser sozialen Distanz. Sie war, so schreibt Weingart, "die institutionelle Voraussetzung für das von direkter Verantwortung entlastete Kommunizieren hypothetischer, riskanter und irrtumswahrscheinlicher Inhalte".

Weingart teilt die These des amerikanischen Soziologen Robert K. Merton, derzufolge es einen Zusammenhang gibt zwischen dem nun folgenden Siegeszug der Wissenschaft und der säkularen Demokratisierung moderner Gesellschaften. Doch ausgerechnet das Zusammenwirken dieser Muster menschlichen Fortschritts unterminiert nun die Exkusivität der Wissenschaft: So greifen etwa Politiker in wachsendem Umfang auf wissenschaftliche Expertisen zurück, um damit ihre Entscheidungen abzusichern - sei es, weil die Probleme zu speziell sind, um durch bloße Staatskunst gelöst zu werden, oder nur, weil man sich mit einem akademisch gesiegelten Gutachten aus der Verantwortung stehlen kann. Die Wissenschaftler jedoch werden dabei leicht in politische Grabenkämpfe hineingezogen, vor allem dort, wo die Sachlage auch wissenschaftlich ungeklärt ist wie etwa bei der Frage nach den Auswirkungen der grünen Gentechnik. Von außen sind politische und wissenschaftliche Kontroversen bald kaum noch zu trennen - mit fatalen Folgen für die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft als unparteiischen Hort der Wahrheit und natürlich auch für die Politik, die die Glaubwürdigkeit ja legitimieren soll.

Neben dieser Politisierung diagnostiziert Weingart auch eine Kommerzialisierung und Medialisierung der Wissenschaft. Die Auswirkungen sind auch hier tiefgreifend. Nach außen hin muss die akademisch institutionalisierte Wissenschaft einen Verfall ihrer Glaubwürdigkeit als von menschlichen Schwächen freie Instanz hinnehmen. Nach innen stören die politischen, wirtschaftlichen und medientechnischen Einflüsse die Selbststeuerung der Wissenschaft.

Auch die Forscher können nicht mehr uneingeschränkt davon ausgehen, dass die peers, die kompetenten Fachkollegen, denen die Beurteilung ihres Tuns obliegt, nur wissenschaftliche Kriterien walten lassen. Das Privileg der Selbstevaluation wird die Wissenschaft zwar nicht verlieren - denn zur Kompetenz der peers sieht Weingart keine Alternative - wohl aber die Intimsphäre, die man der Wissenschaft durch ihr öffentliches Ansehen bisher zugestand. Wie schon die Politiker, Wirtschaftskapitäne und Medienstars werden nun auch die Forscher gezwungen, ihre Wäsche in aller Öffentlichkeit zu waschen.