Wissenschaft kann zum Abenteuer werden. Aber kaum einer verbindet diese beiden Herausforderungen so konsequent wie Hauke Trinks. Um das Leben im Eis zu erforschen, brach der Physikprofessor und Präsident der TU Hamburg-Harburg (von 1993 bis 1999) im Sommer 1999 mit seinem Segelboot Mesuf zu einer abenteuerlichen Reise auf - ins Packeis nach Spitzbergen. Allein. In einer stillen Bucht ließ er sich einschließen vom Eis und begann, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Forschungsziel: das Leben von Bakterien im Meereis zu erkunden. Und einer extremen Umwelt standzuhalten. Soeben hat Trinks, Jahrgang 1943, seine Erlebnisse als Tagebuch unter dem Titel Leben im Eis veröffentlicht. In diesem Jahr hat er eine Forschungsstation auf Spitzbergen eingerichtet. Unser Reporter traf ihn im gut geheizten Büro in der Universität - mit Blick auf die Mesuf.

Die Zeit: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, der Ursprung des Lebens könne ausgerechnet im Meereis zu finden sein?

Hauke Trinks: Spitzbergen war für mich immer der Inbegriff einer extremen Nochlebenssituation. Extreme Bedingungen liefern Erkenntnisse. Das ist ein Prinzip aus der Physik. Diese wahnsinnige Lebensvielfalt im Sommer, die extremen Bedingungen der Polarnacht. Ich dachte, in diesem Gegensatz von belebter und unbelebter Natur muss ein Schlüssel zum Leben liegen.

Zeit: Ein halbes Jahr hindurch ging die Sonne nicht unter, ein halbes Jahr war es dunkel. Wird da die Zeit selbst zum Eisblock, in dem Tag und Nacht ununterscheidbar zusammenfrieren?

Trinks: Man braucht unbedingt einen festen Tagesrhythmus. Das ist eine Überlebensfrage. Die Gefahr ist, dass man sich hängen lässt und in eine friedliche Resignation hinübergleitet. Man liegt morgens im Schlafsack, der Sturm heult, draußen sind es minus acht Grad, alles duster. Die Hunde bellen, weil mal wieder ein Eisbär herumschleicht. Man fühlt sich eigentlich ganz wohl, hat auch keinen Hunger und möchte am liebsten so liegen bleiben. So sind viele umgekommen.

Zeit: Was haben Sie dagegen unternommen?

Trinks: Meine beiden Hunde, Grönländer Huskys, haben stark den Tagesrhythmus bestimmt. Die brauchten jeden Morgen ihr Futter. Dann habe ich meine Morgengymnastik gemacht und bin 20- bis 30-mal auf einem Trampelpfad durchs Eis um mein Schiff herumgelaufen. Nicht zu weit vom Schiff weg, weil das gefährlich war wegen der Eisbären. Vor allem aber hatte ich meine Untersuchungen im Eis, im Meer. Ich hatte ein komplettes Labor an Bord.