Es gibt auch noch den Westen; früher ein subventionierter Biotop für Cleverles und andere Glücksritter. Heute sind sie einem härteren Konkurrenzkampf ausgesetzt, vor allem wenn sie glauben, in der Gastronomie ihr Glück machen zu können.

Tragischerweise sind die traditionellen Adressen um den Kurfürstendamm herum in Vergessenheit geraten, was für Berlin-Besucher wiederum nicht so tragisch ist, wenn man bedenkt, was dort den hungrigen Globetrottern geboten wurde. Der alte Westen der neuen Metropole hat keine Anziehungskraft mehr für die ununterbrochen telefonierenden Wichtigtuer.

Dass Karasek jede Nacht in der Paris Bar verbringt, wissen wir durch die Boulevardpresse, ohne dass dies unser Bedürfnis verstärkte, diesem Zentrum der Eitelkeiten einen neuen Besuch abzustatten. Auch in den benachbarten Adressen, wo uns früher manches knusprige Wiener Schnitzel serviert wurde und wo sich immer noch die Nachtschwärmer um kleine Tische drängen, ist nichts so geblieben, wie es einmal war: Das Personal einschließlich der teuren Köche ist ausgewechselt, die Wattstärke der Glühbirnen verringert und die Größe der Portionen verdoppelt worden - eine sicherere Methode zur Senkung des Niveaus gibt es nicht.

Allerdings gibt es immer noch Die Quadriga im Hotel Brandenburger Hof, den Bamberger Reiter in der Regensburger Straße und Ana e Bruno, den avantgardistischen Italiener in der Sophie-Charlotten-Straße. Nicht zu vergessen natürlich das Vivaldi im Ritz-Carlton-Hotel im noblen Stadtteil Grunewald, wo der von mir überaus geschätzte Paul Urchs kocht.

Wenn er nicht, wie bei meinem Besuch, gerade seinen freien Tag hat. Das sind die Situationen, vor denen ich mich ebenso fürchte wie der abwesende Küchenchef. Aber in diesem Prachthotel, das wie kein anderes preußischen Prunk und kaiserlichen Kitsch vereint, (weil der Kaiser über eine neugotische Wendeltreppe angeblich ins Schlafzimmer der Hausherrin gelangte), in diesem ehemaligen Lustschloss klappte alles, wie wenn der Souschef nur darauf gewartet hätte, sein Talent unter Beweis zu stellen. Hinreißende Saucen und ein edles Layout auf den Tellern, wie man es in einem Haus der Ritz-Carlton-Kette erwarten darf.

Weniger edel ist der Bezirk um die Gedächtniskirche, im Vergleich zum Grunewald geradezu schäbig. Doch das ist kein Grund zum Verzweifeln. Denn dort befindet sich im ersten Stock des Palace Hotels das Restaurant First Floor. Es teilt mit anderen Hotelrestaurants nicht nur den Vorzug, mittags geöffnet zu sein, es gehört auch zu den neun Adressen der Metropole, die ein Michelin-Stern schmückt. Darüber hinaus wird es inoffiziell als Berlins beste Küche geführt; wobei zwangsläufig persönliche Geschmackskriterien ins Spiel kommen, die unverbindlich und vom jeweils modischen Stil beeinflusst sind.

Dass ich mich zum klaren und schmucklosen Stil des Josef Viehauser bekenne und das in den letzten zwei Wochen nicht verschwiegen habe, ändert nichts an den glücklichen Stunden, die ich bei seinen Berliner Kollegen verbracht habe. Das First Floor gehört dazu. Wer in Berlin ins Europa Center geht, um gut zu essen, kann kein Ignorant sein.