Die weißhaarige Frau auf dem Bildschirm hat sichtlich Mühe mit dem Sprechen. Die Wörter sperren sich, wollen erst dann hinaus, wenn die Frau sie ein paar Mal im Mund hin- und herbewegt hat. Der Schlaganfall war vor einem Jahr, sagt sie dann langsam und sehr konzentriert, und man sieht, wie stolz sie darauf ist, dass das mit dem Reden schon wieder so gut klappt.

Schließlich hat sie noch viel zu erzählen: von ihrem Großvater, der einer der reichsten Männer in Berlin war und sich in den Zwanzigern, als die Inflation ihren Höhepunkt erreichte, umbrachte

von ihrem Vater, der 1933 in die NSDAP eintrat, weil er auch mal eine Arbeit haben wollte

von der Nachkriegszeit, als die Roten uns alles weggenommen haben, weil wir angeblich gegen die Kommunisten gewesen sind.

Lutz Körner drückt auf die Pausentaste seines Videorecorders. Die alte Frau erstarrt, den Finger ob der damaligen Ungerechtigkeit immer noch anklagend auf den Zuschauer gerichtet. Erzählt sie nicht wunderschön?, fragt Lutz Körner mit glänzenden Augen. Und das ist erst der Anfang!

Die Leute sterben mir ja weg

Lutz Körner, 54, hat viel vor. Er will die Lebenserfahrungen der Berliner sammeln und auf Video festhalten. Möglichst vieler Berliner. Am liebsten: aller Berliner. Ungekürzt und unverfälscht.