Berlin

Schwer denkbar, dass Volker Rühe einmal den Eindruck erwecken könnte, nicht recht zu wissen, wo es langgeht. Sein Metier ist die Eindeutigkeit. "Punkt.

Ende der Durchsage." Wo waren wir stehen geblieben? Zweieinhalb verlorene Jahre, aber gut, Katastrophe vorbei, kein Wort mehr darüber, dass seine Generation, zwischen 50 und 60, mit Erfahrung und Kompetenz, bei den Christdemokraten kurzerhand ausgemustert worden war. Bücher lesen macht auch Spaß.

Als infiziert galt, wer mit Helmut Kohl in Berührung gekommen war, und das kann man von dem Verteidigungsminister a. D. und ehemaligen CDU-General wahrlich sagen. Und nun das Comeback: Volker Rühe, Horst Seehofer, auch Wolfgang Schäuble, plötzlich sind sie wieder da. Die Stärksten aus der Kohl-Ära, die Profis, sollen die Autoritätslücke füllen, die es mit Angela Merkel und Friedrich Merz an der Spitze ja ganz unübersehbar gibt. Durch die Blume heißt das: Die beiden schaffen es nicht.

Rühe hat nicht nur Freunde, gerade nicht in seiner Fraktion. Aber er weiß, wovon er spricht. Man muss jedenfalls zuhören. Die Regierung, kommentiert er das Drama in Mazedonien, habe die politische Entwicklung im Kosovo und in der Region zu wenig vorangetrieben. Jetzt sei eine umfassende Deeskalationspolitik notwendig. Europäer und Amerikaner müssten einen Prozess in Gang bringen, der den "legitimen Forderungen der Albaner innerhalb des mazedonischen Staatsverbands gebührend Rechnung trägt". Und die Nato dürfe sich in den Konflikt nicht hineinziehen lassen.

Das ist vorsichtig, und vorsichtig war Rühe meist, auch wenn er das in starke Worte verpackt. Falsch. Richtig. Ein Drittes gibt es nicht. Richtig ist die Osterweiterung Europas, das fand er schon immer. Falsch ist, Präsident Bushs Raketenabwehrsystem nicht sofort unterstützt zu haben.

Mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte es die Wackelei seiner Partei in europäischen Dingen nie gegeben, klagt Rühe heute vor allem "Führung" von Schröder und Fischer ein. Handelt es sich bei dem leidenschaftlichen Bekenntnis zur Osterweiterung nicht doch eher um einen erfreulichen Kurswechsel der Union als um ein Führungsproblem der Regierung? Nie habe etwas anderes zur Debatte gestanden. Es habe Skepsis "aus Populismus" gegeben, räumt er allerdings ein. Oder auch Zögerlichkeit bei denen, denen die Vertiefung wichtiger ist als die Erweiterung.