Da rollt er an, der stählerne Tank, innen Atommüll und außen die Pestilenz: Castor, der in wenigen Tagen über die Republik kommen soll, schleppt die Maul- und Klauenseuche ein! - dieser Alarmruf war der bislang fantasievollste Versuch, den Rücktransport deutschen Nuklearmülls aus Frankreich zu verhindern. Insbesondere die Demonstranten, so hieß es, die gewissermaßen als Zugbegleiter aus Frankreich einreisen werden, brächten die Viren mit. Also, schloss diese Logik, muss die Transportgenehmigung aufgehoben werden, selbst wenn die Behälter desinfiziert sind. Castor, ein Gesamkunstwerk. Nur vollständig, ja sogar nur denkmöglich mitsamt Polizei und Demonstranten, beladen mit diesem und jenem, vor allem mit Symbolik.

Und um Symbolik geht es. Denn wer wollte ernsthaft bestreiten, dass die Deutschen ihre Atomabfälle nicht den Franzosen aufbürden dürfen? In unserer müllsammelseligen Zeit der bunten Tonnen und Pfandflaschen dürfte das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Das wissen auch die Demonstranten, die sich um ihren Fetisch scharen. Sie wollen kein Endlager in Gorleben, na klar, aber sie demonstrieren vor allem für ihr erklärtes Ziel: "Stopp aller Atomanlagen, Ausstieg aus der Atomenergie, sofort und weltweit."

Auch das: eine Selbstverständlichkeit in der Demokratie.

So viel zu dem, was fraglos ist. Fragen aber bleiben: Wie soll, bei wachsender Weltbevölkerung, der Energiehunger der sich entwickelnden Länder gestillt werden - und zwar, bitte schön, klimaschonend? Wie soll die Bundesrepublik, in der Nukleartechnik noch führend, auf den Ausbau der Kernenergie in anderen Ländern reagieren?

Der amerikanische Ökonom Lester Thurow rechnete kürzlich vor, dass Kernkraft weitaus sicherer sei als Stromerzeugung aus Kohle oder Gas, zumal wenn man an die Gewinnung des Brennstoffs denkt. Sauberer ist sie noch dazu. Weltweit wird deshalb darüber nachgedacht, wie mit Kernkraft im Interesse der nachhaltigen Entwicklung umgegangen werden sollte. Diese Diskussion wird auch um die Bundesrepublik keinen Bogen machen. Dann dürfte sich erweisen, dass der vereinbarte Ausstieg eines nicht ist: unumkehrbar. So gesehen, wirkt das Castor-Theater bereits wie ein anachronistischer Zug. GvR