Handstand mit Überschlag in die Gegenwart

Die Gegenwart hat natürlich auch noch auf andere Weise Einzug gehalten in die Kunstgeschichtlichen Seminare: durch die digitale Lehre. Im Hamburger Warburg-Haus, in dem Martin Warnkes in 300 000 Bildern verzettelter und verschlagworteter Fundus der Politischen Ikonographie steht, wird seit 1997 an der Warburg Electronic Library gearbeitet, der Umrüstung des lokalen in einen globalen Zettelkasten. Man kann hier nicht nur Bildinformationen erhalten, sondern, nach der gebührenden Anmeldung und unter einem Passwort, eine Mappe anlegen, so, wie man sich früher in den Instituten in irgendeinem geschützten Winkel eine kleine Handbibliothek zum gerade zu bearbeitenden Thema aufstellte. Matthias Bruhn, der hier tätig ist, hat nebenbei noch unter der Adresse Arthist.net einen Informationsdienst aufgebaut. Eine, wie er sagt, "fachelektronische Gemeinde", der inzwischen schon rund 700 Mitglieder angehören, kann sich hier über Ausstellungs- und Konferenztermine, Forschungsprojekte und Publikationen informieren.

Die Warburg Electronic Library wird staatlich finanziert, und zwar als ein Gemeinschaftsprojekt der Kunsthistoriker der Universität und der Informatiker der TU Hamburg-Harburg. Wenn das nicht wegweisend ist. Der Gedanke, dass dieser Weg aber auch eine staatlich-wirtschaftlich subventionierte Einbahnstraße sein könnte, kommt einem, wenn man ein gerade präsentiertes Finanzierungsprogramm des Bundeswissenschaftsministeriums liest. Über 3,5 Millionen Mark werden da über die nächsten drei Jahre hinweg für Neue Medien in der Bildung ausgegeben. Das Kunstgeschichtliche Seminar der Berliner Humboldt-Universität, die Hochschule Anhalt in Dessau/Köthen, die Justus-Liebig-Universität Gießen und die Universität Köln, dort ist die Projektleitung, sind beteiligt an diesem Unternehmen, das dazu dienen soll, "eine internetbasierte Plattform zu entwickeln, die zum einen dezentrale digitale Bildarchive, die jedes Institut auf einem hausinternen Server und in einer eigenen Bilddatenbank aufbaut, zusammenführt und zum anderen didaktische Mod ule für die Präsenzlehre und das Selbststudium zur Verfügung stellt".

Prometheus heißt dieses Projekt, und das Prometheische daran liegt unzweifelhaft in der Wortschöpfung "Präsenzlehre". Auch in den Zeiten von Funkkolleg und Fernstudium würden wir dieses Wort eigentlich für einen Pleonasmus halten. Aber das hieße, das Bundesministerium für Bildung und Forschung nicht ernst zu nehmen. Keinen Pfennig würde man dort geben zum Erhalt von Bibliotheken, Archiven oder wertvollen Sammlungen der Kunsthistorischen Institute. Aber in den abwesenden Lehrer (besser noch: die Lehrerin), da investiert man gern, denn das spart Gehälter und Renten. Und vielleicht sind die Kunstwissenschaftler, gerade weil sie so lange so versonnen am Rande des gesellschaftlichen und geselligen Geschehens standen, auch besonders bereit, einen Handstand mit Überschlag hinzulegen, wenn der Zeitgeist ihnen seine Aufwartung macht. Wobei es unbestritten ist, dass die Vorteile der Digitalisierung und der Bildpräsenz rund um die Welt gerade in diesem Fach eine grundstürzende Veränderung und Verbesserung der Arbeitsmodalitäten und Erweiterung des Themenkanons mit sich gebracht haben, die zu nutzen für Kunsthistoriker selbstverständlich und die staatlich zu unterstützen sinnvoll ist.

Muss man sich aber den Hasenfuß gleich mit überweisen lassen? An der Humboldt-Universität, wo mit der Berufung von Horst Bredekamp 1993 das digitale Zeitalter begonnen hat, wo die aus Rom importierte Census-Datenbank zum Nachleben der Antike lokalisiert ist und seit 1998 das Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Kunstgeschichte und Medientheorie der virtuellen Realität läuft, ist man inzwischen auch dabei, sich über eine Database of Virtual Art in die Realisierung und Archivierung von Kunstwerken einzuschalten. Der Computer ist hier, erklärtermaßen, nicht nur Werkzeug der Forschung. Womit man nahe am Markt ist, der, zugegeben, bei virtuellen oder auch immateriellen Kunstwerken kaum existiert. Trotzdem scheint in diesem Fall die Grenze zwischen Produktion und Wissenschaft vernebelt. Dass man andererseits an der Humboldt-Universität nicht nur einen Fotokurs belegen, sondern auch bei einer dem Hause verpflichteten Künstlerin im Dachbodenatelier Zeichenunterricht nehmen kann (ein Relikt aus DDR-Zeiten), spricht für das von Bredekamp hartnäckig verteidigte Prinzip, Neues nicht auf Kosten des Alten zu etablieren, die Realität nicht durch die Virtualität zu ersetzen. Aber wird überhaupt noch auf eine Exkursion gehen, wer sich alles zu Hause auf den Bildschirm holen und dabei, wenn er es kann, sich vorstellen kann "Suggestionspotentiale neuer Illusionsmedien in Relation zur Medienkompetenz ihrer zeitgenössischen Seher" zu setzen? Der Drang, sich hypertrophe Geheimsprachen zu schaffen, überdauert offensichtlich die Jahrhunderte besser als mancher Gegenstand des Faches.

"Kunstgeschichte war seit jeher die Disziplin, die den Namen Bildwissenschaft wirklich verdient, weil sie Bildformen zu analysieren und zu historisieren versteht", schreibt Horst Bredekamp, und Martin Warnke fügt der Feststellung, dass das Fach Kunstgeschichte mit der modernen Kunst an sein Ende gekommen sei, hinzu: "Mit der modernen Bildkultur wäre es erst am Anfang." Was einer seiner Studenten auf das schönste belegt hat. Nach dem Studium und einer Dissertation über Maria und Martha war Immo Wagner-Douglas ein Jahr wissenschaftlicher Assistent am Kunsthistorischen Seminar, dann, auf der Suche nach einem Job, im Trendbüro tätig, einer Werbeagentur, wo er die Analyse der Bilder auf der Basis seines Bildwissens in die Planung von Kommunikation und Werbung einbrachte. Peter Wippermann, der Chef der Firma und selber ein Grafiker mit Kopf und Augen, war so begeistert von dieser Zusammenarbeit, dass er im Hause eine Akademie Bildsprache einrichtete und fortan vom "semiotischen Benchmarking" sprach. Immo Wagner-Douglas allerdings ist, auf dem Umweg über eine Praktikantenstelle für die Einrichtung des Hamburger Bahnhofs in Berlin, jetzt gerade im Haus der Geschichte in Stuttgart gelandet, wo man, anders als in Berlin, es für sinnvoll hält, noch feste Stellen zu vergeben.

Kunsthistoriker, sagt Thomas Gaehtgens, "ist der schönste Beruf, den es gibt". Wie soll es möglich sein, schreibt Erwin Panofsky, "Kunstgeschichte als eine respektable wissenschaftliche Disziplin zu etablieren, wenn schon ihre Gegenstände durch einen irrationalen und subjektiven Prozeß ins Dasein treten?" Der schmale Band mit seinen Aufsätzen über Die ideologischen Vorläufer des Rolls-Royce-Kühlers und Stil und Medium im Film steht gerade im Schaufenster eines Luxuskarossen-Geschäftes Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße in Berlin. Sollte der Ladeninhaber einmal Kunstgeschichte studiert haben?