London

Rauchschwaden ziehen über Großbritanniens green and pleasant land, nun verdunkeln sie auch den politischen Horizont. Ein rasches Ende des neuen Desasters der britischen Agrarwirtschaft ist nicht in Sicht. Der Maul- und Klauenseuche-Epidemie werden nicht nur Millionen von Tieren zum Opfer fallen - erschossen und verbrannt, um Exportmärkte zu sichern -, auch die menschliche Gesellschaft wird bluten. Tausenden von Bauern droht der Bankrott, die Countryside mit ihrer touristischen Kleinstruktur könnte auf Jahre hin Schaden leiden. Schon gar nicht kommt die Politik ungeschoren davon. Eine urbane Partei wie Labour, nie gut zu sprechen auf hoch subventionierte, notorisch konservative Farmer, erhält eindringlichen Anschauungsunterricht: Seuchen besitzen eine gefährliche Sprengkraft. Eine Minderheit der Farmer probt den Aufstand. Die Veterinäre des Londoner Agrarministeriums sind ihnen als "Boten des Todes" verhasst

sie widersetzen sich der präventiven Tötung Hunderttausender gesunder Schafe, Schweine und Rinder. Selbst in einer Gesellschaft, in der städtische Werte dominieren, ist ländlicher Aufruhr dem feel good-Faktor genauso abträglich wie brennende Kadaver, versperrte Landschaften und leere Dorfkneipen.

Tony Blair steckt in einem Dilemma. Soll er den sorgfältig ausgeheckten politischen Fahrplan angesichts der Seuche ändern, obgleich doch der ersehnte zweite Wahlsieg zum Greifen nahe ist? Oder soll er tun, was ihm selbst die Presse eines Rupert Murdoch rät, und die ländliche Krise ignorieren? Bis zur Ankunft des Virus auf einer Schweinefarm im englischen Norden hatte sich alles blendend gefügt: hervorragende ökonomische Daten, niedrige Inflation, stetiges Wachstum und ein wohldosiertes Budget von Schatzkanzler Gordon Brown, das die Briten mit seiner cleveren Mixtur aus finanzpolitischer Solidität, staatlicher Entschuldung und wohltemperierter Generosität überzeugte. Alle Umfragen deuteten auf einen erneuten Triumph für Labour hin.

Bis jetzt jedenfalls.

"Augen zu und durch", so lässt sich die trotzige Auffassung in Millbanktower, dem Hauptquartier von Labour, beschreiben. Der Premier scheint entschlossen, womöglich schon in der kommenden Woche die Queen um die Auflösung des Parlaments zu ersuchen und die Unterhauswahl für den 3. Mai anzuberaumen. Den Termin um ein paar Wochen zu verschieben würde wenig Sinn machen. Der Ausnahmezustand auf dem Land wird noch Monate andauern. Auch wäre eine Verzögerung gewiss nicht das richtige Signal, um verängstigte amerikanische Touristen wieder ins Land ihrer Vorfahren zu locken. Doch eine Wahl im Frühjahr ist nicht ohne Risiken. Zynisch und kalkulierend könnte es wirken, ungerührt die politische Ernte einzufahren, während weite Teile des Landes von einer schweren Krise heimgesucht werden.

Mit diesem Vorwurf muss die Regierung rechnen. Die Konservativen haben ihre Geschütze bereits in Position gebracht