Marl ist ein kleiner Ort am Ruhrpottrand. Hier, zwischen roten Einfamilienklinkern und Ödnis auf Rasen, tagt jedes Jahr die Jury des Adolf-Grimme-Instituts und sucht nach dem besten Film, dem ultimativen Dokumentarstreifen, der preiswürdigsten Serie. Der bizarre Schauplatz ist gewollt. Hier sollen die etwa 30 Fachjournalisten, Volkshochschulvertreter und Schriftsteller schneller, besser und leichter zum Ziel kommen, als wenn der Tagungsort Berlin, Köln oder München hieße.

Etwa zehn Leute sitzen in einer Jury, schauen täglich neun Stunden fern, reden drei Stunden über die Filme und essen zwei Stunden Erbsensuppe und Würstchen. Nach sechs, acht Stunden Fernsehen werden die Kommentare zu den abgelehnten Filmen härter. Den Polizeiruf 110 mit dem Titel Gelobtes Land, mit warmfühlenden Afrikanern und kalt-denkenden Europäern, kommentiert eine Jurorin ultimativ: "Schon das ist ein wichtiger Grund, warum es künftig keinen Rassismus mehr geben darf - damit uns solche Filme erspart bleiben."

Die Diskussion von Grimme-Fachjuroren muss man sich wie eine Zeugniskonferenz vorstellen: In einem holzvertäfelten Raum sitzen zehn Juroren, drei von ihnen löffeln Vanillejoghurt, zwei beißen herzhaft in bereitgestellte Schinkenbrötchen, vier diskutieren, drei debütieren. Wer noch nie bei Grimmes war, meint, es sei dort wie bei Gotts. Der Grimme-Preis zeichnet seit Jahren nur die besten Filme aus, er nimmt es sich nicht bloß vor. Einen Grimme-Preis zu bekommen ist für Erwachsene ähnlich rühmend wie für Kinder das gepuderte Pfötchen der Bürgermeistersgattin, das man früher immer dann schütteln durfte, wenn man fürs Müttergenesungswerk mehr gesammelt hatte als alle anderen. Nur dass Bürgermeistersgattinnenhände für die weitere Karriere eine relativ unwesentliche Rolle spielen. Grimme-Preise nicht. Und deswegen gehören Allmachtsfantasien in Marl zum Entscheidungsfindungsprozess.

"Ich glaube, der Film wollte banal sein"

Um die Filme wird in Marl gekämpft, klar. Je nach Charakter offensiv, defensiv, impulsiv, politisch, durchtrieben. Die Meinungen der Mitjuroren werden notiert, ausgewertet, bearbeitet. "Warum soll ich dir den Tomatensalat reichen, du hast mich gestern Abend nicht unterstützt", sagt mir ein Mitjuror. Im Scherz gesagt, im Ernst gedacht. Mein Name steht auf verschiedenen Schmierzetteln, je nach Film unter "eher dafür" oder "eher dagegen". Das liest sich, als wäre man eine arabische Jungfrau, um die zu schachern es mindestens zehn Kamele lohnt. Debütanten verblüfft dabei die Rhetorik. Marl-Sprech ist seit Jahrzehnten erprobt. "Banal. Ich glaube, der Film wollte banal sein", funktioniert immer, wenn ein schlechter Film sophisticated geredet werden soll. "Ich finde genau dieses Anliegen verlogen", kontert Kritiker zwei, "diese eindimensionale Entschlossenheit erinnert ans ZDF-Politbarometer." Kritiker drei: "Aber das ist doch genau die Stärke des Films." Kritiker vier: "Ich bin da vielleicht einfacher gestrickt, aber mich hat es nicht erreicht." Kritiker fünf: "Also, ich kann das so akzeptieren, wie es der Film gemeint hat." Wer kapituliert, marschiert ans Sahnebuffet.

Die Rhetorik von Marl besteht nicht in der Argumentation, sie besteht in der Kunst des Windbeutelns. In einem Insiderjargon, luftig wie Tüll. Des Kaisers neue Kleider. Goldbordürenkommentare wie "Ich finde, der Film ist Avantgarde" kleiden nicht, schmücken nur, weil sie nicht erklären, was Avantgarde ist, was Avantgarde in diesem Film ist, was Avantgarde preiswürdig macht. "Ich finde, der Film ist Avantgarde" ist Inkompetenzkompensationskompetenz.

Solches lässt sich höchstens durch ein gelangweiltes "Aber die ist doch seit fünf Jahren out" aushebeln. Ein Satz, der auf jeden Film passt: "Das Wie fand ich herausragend, das Was hat mich nicht erreicht." Der Gehalt dieser Aussage ist ähnlich leer wie der Marler Marktplatz kurz nach 18 Uhr. Und gleichzeitig ist er so ubiquitär, dass er von Kollegen nicht infrage gestellt wird. Dabei verkennt man leicht die Leistung, die dahinter steht: Sich klug gerieren und dabei nicht abgehoben zu sein ist ein ähnlicher Balanceakt, wie würdevoll die Jahrestage von Uwe Johnson zu sehen und gierig Almighurt von Ehrmann zu löffeln.