Immer donnerstags ging die junge Ostberliner Physikerin Angela Merkel mit einer Freundin in die Sauna. So auch am Donnerstag, den 9. November 1989. Als die beiden an diesem Abend wieder auf die Straße traten, war die Mauer gefallen, die Grenze offen und ganz Berlin in freudetrunkener Aufruhr. Mit den Badesachen noch unter dem Arm lief Angela Merkel zum nächstgelegenen Grenzübergang. Am Bahnhof Bornholmer Straße begann ihr neues Leben.

Denn ab sofort war alles anders. In den dramatischen Jahren des Umbruchs, dessen Tempo viele Ostdeutsche überforderte, ergriff die unscheinbare Forscherin von der Akademie der Wissenschaften entschlossen ihre Chance: Aus der linkischen jungen Frau in der immer gleichen braunen Cordhose wurde die Sprecherin der Bürgerbewegung Demokratischer Aufbruch, bald darauf die stellvertretende Regierungssprecherin der Regierung de Maizière. Auf Merkels steilem Weg nach oben folgten Etappen als Ministerin in der Regierung Kohl, als Generalsekretärin und schließlich, ohne Hausmacht und Stallgeruch, Vorsitzende der westdeutschen Männerpartei CDU.

Keine deutsche Karriere der jüngeren Zeit ist so unwahrscheinlich, so wundersam und erklärungsbedürftig wie jene der unprätentiösen Pfarrerstochter aus Templin in der Uckermark. Wie hat Angela Merkel das angestellt? Aus welchen Ressourcen schöpft sie? Was will sie, und wie weit mag sie es wohl noch bringen? Nicht nur Christdemokraten haben Anlass, sich über diese Fragen die Köpfe zu zerbrechen - der Fall Angela Merkel ist nicht weniger als ein gesamtdeutsches Rätsel.

Ihre Biografin Jacqueline Boysen, ehemalige Korrespondentin des Deutschlandfunks in Mecklenburg-Vorpommern, ist den richtigen Weg gegangen: weit zurück in jene versunkene Zeit, über die Angela Merkel selbst nicht mehr gern redet. Mit zahlreichen Freunden und Kollegen von einst hat Boysen gesprochen. Klug hat sie die prägende Bedeutung des kulturprotestantischen Herkunftsmilieus der CDU-Vorsitzenden ausgelotet, umsichtig nach den Wurzeln von deren - zuweilen brutalem - Ehrgeiz gesucht.

Das Bild von Angela Merkel bleibt trotzdem unscharf, was freilich nicht der Autorin anzulasten ist. Wofür die Hoffnungsträgerin der CDU nun eigentlich steht? "Bei genauerer Betrachtung nur für sich selbst", meint Jacqueline Boysen: "Scheu vor Beliebigkeit ist ihr nicht eigen." Genau das dürfte sich noch als Angela Merkels größtes Problem erweisen. Längst nämlich ist die frühe "Angiemanie" der Christdemokraten abgeklungen. "Jetzt begehren Partei und Wählerschaft zu wissen, wohin Angela Merkel eigentlich aufgebrochen ist und wer sich hinter der freundlich-undurchschaubaren CDU-Bundesvorsitzenden verbirgt." Die Antwort steht aus. Gut möglich, dass von ihr die Zukunft des deutschen Parteiensystems abhängt.

Jacqueline Boysen, Angela Merkel Eine deutsch-deutsche Biografie Ullstein Verlag, München 2001 240 S., 16,90 DM