Drei Kilometer Akten, jede Akte ein trauriges Schicksal. Im verwinkelten Keller des polnischen Schatzministeriums stehen die Regale dicht an dicht, die Wände entlang bis in die hinterste Ecke, vom Boden bis zur Decke voll gepackt mit Ordnern. Was hier keinen Platz findet, lagert auf der anderen Seite der Krucza-Straße im Souterrain des Agrarministeriums. Zwischen unzähligen schwarzen Deckeln verwahrt die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung die persönlichen Daten und Papiere von 730 000 Polen: jüdische und nichtjüdische KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Deportierte, Kriegsgefangene, in Lagern geborene Kinder. Eine halbe Milliarde Mark hatte die Bundesregierung im Oktober 1991 für eine erste Entschädigung dieser Opfer der Naziherrschaft bereitgestellt. Jetzt kommen die Dokumente des Schreckens zu neuen Ehren: als Grundlage für die Entschädigung von Zwangsarbeitern. Mateusz Chachaj, der Sprecher der Stiftung: "Wir sind bestens vorbereitet."

Sieben Partnerorganisationen hat die Bundesstiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft benannt, um die überlebenden Zwangsarbeiter zu erreichen. Sie nehmen die Anträge entgegen, prüfen sie und zahlen auch die Entschädigungssummen aus. Mit allen sind Partnerverträge abgeschlossen, aber startbereit wie die Stiftung in Warschau ist keine. Der polnische Partner, so heißt es auch bei der Stiftung in Berlin, könnte sofort mit den Auszahlungen beginnen.

Dabei geht es um exakt 1,812 Milliarden Mark. Diese Summe hat der Bundestag im Gesetz, das die Entschädigung regelt, für die überlebenden polnischen Opfer vorgesehen. Ihre Zahl wird auf über eine halbe Million geschätzt, und es bleibt den Polen selbst überlassen, innerhalb vorgegebener Margen die Beträge für die Opfer zu variieren (siehe Tabelle). So kommen auch Zwangsarbeiter, die in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, zu einer bescheidenen Entschädigung, obwohl das im Gesetz nicht ausdrücklich vorgesehen ist. Mit ein paar Angestellten und einer Hand voll freiwilliger Helfer ist diese Arbeit nicht zu schaffen. Bei der polnischen Stiftung ist die Zahl der festen Mitarbeiter auf 250 angewachsen.

Sie beantworten die 1,3 Millionen Briefe, in denen polnische Bürger nach den Bedingungen der Entschädigung fragen. Sie helfen den Betroffenen bei der Suche nach Beweismitteln in deutschen Unternehmen oder öffentlichen Archiven in halb Europa. Arbeitsbuch, Werksausweis, Versicherungskarte, Arbeitszeugnis, Passierschein, Auszug aus KZ-Listen oder Melderegistern - ohne Beleg für die Zwangsarbeit ist der Antrag wertlos. So wurden aus Warschau 130 000 Namen allein an den Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen geschickt, daraufhin schickte Arolsen aus seinen Archiven 1600 Dokumente nach Warschau.

"Unser größtes Problem sind die Anträge", berichtet Dariusz Pawlos, der stellvertretende Vorsitzende des Berufungs- und Prüfungsausschusses. Damit meint Pawlos nicht die große Zahl von Antragstellern. Längst sind alle wichtigen Angaben zur Person (bis hin zu Sterbedaten) in Computern gespeichert und mit einem Mausklick zu finden. Aber jeder Pole, auch wenn er nach 1991 bereits eine Unterstützung erhalten hat und seine Unterlagen komplett vorliegen, muss noch einmal das offizielle Antragsformular ausfüllen. Die alten Leute vergessen oft die Unterschrift oder ein Datum - schon geht der ganze Vorgang zurück an den Absender. Und ein bisschen Nachsicht? Pawlos winkt ab: "Manchmal machen wir uns den Vorwurf, dass wir zu streng sind."

Das ist gut so. Denn der Ruf der Stiftung ist nicht untadelig. Kritik gab es vor allem an ihrem finanziellen Gebaren in den ersten Jahren ihrer Existenz.

Einmal gingen offensichtlich Einlagen beim Bankrott einer Bank verloren. Zum andern ist nicht ganz klar, warum die Stiftung heute noch 100 000 Mark übrig hat, die in Staatspapieren und Aktien angelegt sind. Natürlich hört man das im Hause der Stiftung nicht gern. Und man hält dagegen, immer wieder hätten Kontrollen stattgefunden durch Ministerien, den Ministerrat und die Höchste Kontrollkammer, also den Rechnungshof. "Und übersehen Sie nicht", fügt Dariusz Pawlos hinzu, "auch unsere dreißig Opferverbände achten darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht." Folglich habe auch niemand Angst vor Kontrolleuren aus Berlin.