Stellen wir uns vor, es ist Bürgerkrieg, und die Bundeswehr steckt mitten drin. Die Vorstellung ist eine Woche lang über alle Fernsehkanäle gelaufen, hat schlimmste Befürchtungen in Amtsstuben und Wohnzimmer getragen. Während Europas Medien und Gremien aufgeregt räsonierten und debattierten, rückte die deutsche Nachschubeinheit in Tetovo geordnet aus der Schusslinie der UÇK-Rebellen. Die miserabel ausgerüstete, unerfahrene mazedonische Armee rollte an der Bundeswehr vorbei in die "Entscheidungsschlacht". Stolz darauf, ein Deutscher zu sein?

Es ist nicht gerade erhebend, sich als Europäer zu fühlen - auf die Woche genau zwei Jahre nach Beginn der Nato-Lufteinsätze gegen Jugoslawien. Die hatte der Militärhistoriker John Keegan nach 78 Tagen als "Wendepunkt in der Geschichte der Kriegsführung" bejubelt: "Ein Krieg kann allein mit Luftschlägen gewonnen werden."

Wie wenig der High-Tech-Krieg auf dem Balkan geholfen hat, zeigt sich in diesen Tagen. In 78 Stunden nur konnten ein paar Dutzend Desperados von einer alten Türkenfestung aus einen Staat der "Nato-Partnerschaft für den Frieden" an den Rand von Bürgerkrieg und Zerfall bringen. Einen Staat zumal, der schon in früheren Balkankriegen von seinen Nachbarn als Beute zerrissen wurde und dessen neuerliche Zerteilung die ganze Südostflanke der Nato aufreißen könnte.

In Brüssel rotiert nun die europäische Räterepublik: Nato-Rat, EU-Ministerrat, die Gasp-Berater. Eine Premiere im Weltformat: Zum allerersten Mal hat sich der Nato-Generalsekretär mit den EU-Außenministern an einen Tisch gesetzt. Die ersten Entscheidungen sind schüchtern und nüchtern. Das Mandat der Kosovo-Friedenstruppe soll nicht auf Mazedonien ausgedehnt werden. Ein solcher Beschluss hätte auch nur die klassische, seit der französischen Revolution gefürchtete Panik aus großer Wut und grande peur angeheizt, die sich der albanischen Minderheit so sprunghaft bemächtigt hat.

Die Nato will aber die Truppen an der Grenze von Jugoslawien zu Mazedonien verstärken. Auch richtig. Nur wäre das nicht unbedingt erforderlich gewesen, hätte die Kosovo-Truppe KFor ihren Auftrag bisher nicht sträflich vernachlässigt.

Es gehörte nämlich zum Mandat der Friedenstruppe, vom Kosovo aus die Grenzen Mazedoniens zu schützen. Jedermann wusste, dass dieses arme, von Albanern mitbewohnte Land, dessen slawisches Völkergemisch überhaupt erst von Tito zur Nation erhoben wurde, ganz oben auf der Speisekarte der UÇK stand. Sogar die internationale Küche hatte der buntscheckigen ethnischen Zusammensetzung Mazedoniens schon ein paar Menschenalter vorher Rechnung getragen: Sie führte die Bezeichnung Macédoine für einen fein gehackten Fruchtsalat ein.

Europäer und Amerikaner wollten offenbar nichts wissen, sehen und hören, als die UÇK nach Mazedonien einsickerte. Bloß nicht die Herren Verbündeten von der Abteilung Freiheitskämpfer, Heckenschützen, Waffenschmuggler und Drogenschieber provozieren. Die ließen sich nicht zweimal ermuntern. An der Kosovo-Grenze wurden die schwer errungenen Stabilisierungserfolge - die Beendigung des Bosnienkrieges, Sturz von Milosevic - mit mehr Angst als Friedensliebe abgesichert.