Die Langeweile mag noch so groß sein - größer ist die Angst vorm Amüsement. Denn Geist, so hat das deutsche Theaterpublikum gelernt, muss wehtun. Er erweist sich erst im Zusammenhang mit einem Mindestmaß an Ennui.

Der Rest ist Komödie, B-Kultur. Deshalb dürfte der jetzt so gefeierte und gleich mit zwei Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladene Michael Thalheimer es künftig noch schwer haben.

Denn zu seinen bevorzugten Ausdrucksmitteln gehören das suggestive Bild, die emotionale Aufladung und eine - nicht humorig-versöhnliche, sondern aggressive - Komik, die Gelächter provoziert. Im Foyer des Leipziger Schauspielhauses drückte denn so mancher Besucher sein Gefallen an Thalheimers Inszenierung mit geradezu schuldbewusster Miene aus. Das war aufschlussreicher als die deutlichen Buhs, die sich in den Applaus für seine eineinviertelstundenkurze Version von Leonce und Lena mischten.

Wer je eine feinsinnige Rezitation von Büchners Wortspielmarathon durchduldet hat, der durfte gleich in der ersten Premierensekunde aufatmen. Ein Schwall dröhnend lauten Discopops schlägt auf den Zuschauer ein. Weit oben, auf dem Mittelsteg eines hochwandigen Holzkreuzes, kommt uns ein Mann entgegen, der mit der Faust dem Himmel rhythmisch in die Fresse haut. Am Abgrund angelangt, schreit er: "Ich langweile mich!!" Wir tun es nicht. Es gibt genug zu sehen.

Eine Endlosfolge konkav projizierter Fernsehausschnitte, die tonlos über dem Bühnengeschehen mitlaufen. Eine Discokugel in Aktion. Ein Mensch mit lächerlichem Lackmantel, erstarrt in stumm Hurra! rufender Begrüßungspose.

(Es wird sich bald herausstellen, dass dies ein Hofbeamter ist, der die meisten Nebenfiguren des Stücks in Personalunion verkörpert.)

Doch darf das modische Arrangement nicht täuschen. Dies ist nicht nur eine Attacke auf die lebensüberdrüssige Spaßgesellschaft, ein Revival des Byronismus im Stil von MTV. Vielmehr bedient sich die Regie aus dem zeitgenössischen Zeichenreservoir, um Büchner als Gewährsmann für eine Moderne zu reklamieren, die bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht und schon damals dem Ich eine Position zuweist, wie wir sie heute gern für neu halten: Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen.