Es ist Zeit zu widersprechen. Denn zwei Worte drohen zum ceterum censeo der Balkan-Kommentatoren zu werden: Nichts geht. Alles ist verfahren, gescheitert, hoffnunglos und obendrein unabänderlich. Es scheint, als hätte sich die Ehrfurcht vor der Ewigkeit, die sich mit der Jahrtausendwende eingestellt hatte, ins 21. Jahrhundert gerettet.

Die Meinung, Bosnien und Herzegowina seien "ohnehin nicht länger zu restaurieren", erlebt eine eigenwillige Konjunktur, der sich zuletzt auch Christian Schmidt-Häuer anschloss. Warum sollten Bosnien und Herzegowina eigentlich nicht zu "restaurieren" sein? Weil im Angesicht des Balkans nur Kategorien ethnischer Feindschaft regieren und diese freimütig zur einzigen Konstante menschlichen Denkens und Handelns erklärt werden?

Die Leichtigkeit, mit der den Nationalisten außerhalb Bosniens und Herzegowinas der Boden für ihren Begriff von Staat und Gesellschaft aufbereitet wird, steht in krassem Widerspruch zum Alltag in Bosnien und Herzegowina fünf Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton. Es sind die Nationalisten, denen der Gegenwind ins Gesicht bläst. Verwickelt in Korruption und dubiose Geschäfte, haben ihre Parteien, ob muslimisch, kroatisch oder serbisch, die Hälfte ihrer Wähler, den letzten Urnengang und die Regierung verloren. Seit dem Ende des Krieges ist in Bosnien und Herzegowina erstmals eine Regierung ohne Beteiligung einer der drei großen nationalistischen Parteien an der Macht. An der Spitze der Staatsregierung steht mit Bozidar Matic ein Wirtschaftsprofessor und Sozialdemokrat, der eben erst seinen Ministern ein umfassendes Reformprogramm verordnet hat.

Bosniaken, Serben und Kroaten arbeiten Seite an Seite. In der Republika Srpska steht mit Mladen Ivanic ebenfalls ein Reformer dem neuen Kabinett vor.

Aber lassen wir einfach Zahlen sprechen: Die Zahl der Rückkehrer (in jene Gebiete, in der sie die ethnische Minderheit stellen) hat sich im Jahr 2000 verdoppelt. Im ersten Monat 2001 kehrten sogar dreimal so viele Flüchtlinge zurück wie im Jahr zuvor. Selbst in Gebiete, die die schlimmsten Verbrechen des bosnischen Krieges gesehen haben - Foca, Visegrad, selbst Srebrenica -, kehren die vertriebenen Bewohner zurück. Laut Human Rights Watch ein "Durchbruch" im Friedensprozess in Bosnien und Herzegowina.

Die Hälfte aller Anträge auf Rückerstattung von Wohnungseigentum ist abgeschlossen. Jeder fünfte wurde bis jetzt rückerstattet. Verglichen mit der Tatsache, dass die Staaten Europas bis zu fünfzig Jahre gebraucht haben, um die Opfer des Nationalsozialismus für ihr geraubtes Eigentum zu entschädigen, ist diese Entwicklung nur fünf Jahre nach dem Ende des Krieges wohl mehr als nur außergewöhnlich.

Die Wirtschaft in Bosnien und Herzegowina wächst trotz sinkender internationaler Finanzhilfe konstant um zehn Prozent pro Jahr. Die Industrieproduktion stieg im letzten Jahr ebenso um zehn Prozent, das Exportvolumen hat sich in den letzten drei Jahren vervierfacht. Die Teuerungsrate liegt unter zwei Prozent. All das geschieht in einem Land, das nicht nur durch jenen Transformationsprozess zu gehen hat, den andere kommunistische Staaten gehen mussten, sondern zugleich auch den Wiederaufbau nach einem Krieg bewältigen muss. Und dennoch gibt es kein anderes Land der Welt, das diesen Transformationsprozess so rasch durchläuft wie Bosnien und Herzegowina.