Komplimente entwaffnen. Hans Mayer jedenfalls erklärte unlängst, es mache ihn "tief glücklich", dass die Stadt Leipzig ihm die Ehrenbürgerwürde verleihen wolle. Nun muss man bedenken, dass der Doktor jur. und Professor für Literaturgeschichte, der mit seinen angriffslustigen Vorlesungen die Legendenbildung um den Leipziger Hörsaal 40 begründete, die Botschaft kurz vor seinem 94. Geburtstag erhielt. "In Leipzig", sagt Mayer in Erinnerung an die Jahre von 1948 bis 1963, "wurde ich zu mir selbst erweckt." 1963 allerdings - es gab Revisionismusvorwürfe gegen den Ordinarius - blieb er nach einer Vortragsreise in der BRD. Die jetzt geplante Heimholung ehrenhalber bespöttelte die Schriftstellerin Daniela Dahn. "Es ist leichter, sich mit dem Namen einer Persönlichkeit zu schmücken, als ihr in Bedrängnis zu helfen", sagte sie unter Anspielung auf geballten Missmut über Mayers Kritik am Verlauf der deutschen Vereinigung. Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee sieht die Ehrung wohl eher als prestigeträchtige Investition. Letzte Woche zwar war man in Leipzig zu Recht in Rage geraten, weil man in München Zweifel hegte, ob die Verleihung eines Deutschen Buchpreises künftig "in der Diaspora" (d. i. einer ostdeutschen Großstadt) stattfinden sollte. Heikel allerdings ist Tiefensees Volte gegen Wolfgang Thierses realistisch düstere Ostbilanz: "Seine Grundbotschaft ist kontraproduktiv." Mehr Optimismus bitte! Skepsis hatten wir in Mayers Vorlesungen genug.