Graf Orsino trägt lila Cordsamt und eine braune Brokatweste. Den kleinadeligen Besucher mit Pilzkopf grüßt er mit einem forschen "Hi, man!".

In Christoph Marthalers Zürcher Inszenierung von Shakespeares Was ihr wollt wird das lässige Lebensgefühl der frühen sechziger Jahre in Samt und Stoff beschworen. Mit ebensolchem Cord und Schlaghose bringt Hollywoods Fäkalkomiker Austin Powers sein Publikum zur Strecke. Während die Beatles die Radiocharts mit alten Liedern in neuer Verpackung stürmen, machen Deutschlands Zeitgeistläden mit aufblasbaren Plastiksesseln Rekordreibach.

Selbst Computerhersteller Apple versucht es derzeit mit geblümten I-Macs in Flower-Power. Die Popkultur, Ende der fünfziger Jahre in London und New York als Subkultur geboren und wenig später als imperialistische Springflut über Europas Jugend gespült, meldet sich zurück. Oder war sie nie weg?

Zurzeit jedenfalls ist Popästhetik überall, in Radio und Fernsehen, auf Laufstegen und Auslagen, im Modemagazin und sogar im Ikea-Katalog. Vor allem aber ist Pop in Paris. Dort prahlt das Centre Pompidou damit, die Gründerjahre der Pop-Art von 1956 bis 1968 auf einen transdisziplinären Nenner zu bringen - mit der angeblich größten und ultimativen Pop-Art-Ausstellung der letzten 20 Jahre. Aufgeboten sind 100 Kunstwerke, 250 Beispiele aus der Architektur, dazu Filme, Plakate, Mobiliar und Plattencover.

Und wirklich: Betritt man das vor einem Jahr nach gründlicher Renovierung wiedereröffnete Centre, ist man zwar noch nicht in der Ausstellung, aber mittendrin im Pop. Klatschbunte Hinweisschilder mit einer neuen Grafik, die schon jetzt alt wirkt, dazu knallige Neonwerbung, ein Designladen mit billigen Remakes für teures Geld, und auf der Rolltreppe trällert Françoise Hardy. Das für die politisierten siebziger Jahre konzipierte Kulturzentrum präsentiert sich heute als Konsumtempel für die gehobene Spiel- und Spaßgesellschaft.

Das von Adjektiven getränkte Ambiente geht in der Ausstellung weiter: Lackierte Böden mit farbigen Richtungspfeilen wie auf dem Flughafen, bunte Stellwände mit Schrägen und Kurven, Experimentalfilme auf modischen Flachbildschirmen und Beschallung auf Zimmerlautstärke mit Muzak von den Velvet Underground bis Michel Polnareff führen zu gerade mal einem halben Dutzend Säle voll Kunst. Viel Architektur, vor allem von den Londoner Utopisten der Gruppe Archigramm, sowie vom Wiener Hans Hollein, der trotz einiger früher Collagen hier nun wirklich deplatziert ist. Nach Fluchten voll französischer Mode und italienischem Mobiliar sind Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Andy Warhol oder Roy Lichtenstein aufs Nötigste beschränkt. Nur der Engländer Richard Hamilton und der Deutsche Wolf Vostell sind breit vertreten. Aber halt: Vostell in einer Ausstellung über Pop-Art?

Wahllos in eine Schublade gestopft