Spät am Abend setzten sich die drei Männer zusammen.

Diskutierten. Stritten. Und entschieden über das Schicksal ihres Landes - über Argentinien. Kurz vor Mitternacht stand Ricardo López Murphy auf und ging als Verlierer. Erst vor zwei Wochen hatte ihn der argentinische Präsident Fernando De la Rúa zum neuen Wirtschaftsminister gemacht. Erst vor zwei Wochen taten die Kurse an der Börse von Buenos Aires einen Sprung von acht Prozent nach oben. López Murphy ließ die internationalen Anleger hoffen, einer wie er könne das Land aus einer nun schon 33 Monate dauernden Rezession führen, den argentinischen Staat vor dem nahen Bankrott retten und gleichzeitig die globalen Finanzmärkte vor einer schweren Krise bewahren.

Mit erbarmungsloser Härte wollte López Murphy die Staatsfinanzen sanieren.

Viereinhalb Milliarden Dollar plante er in den nächsten zwei Jahren einzusparen - vor allem die Universitäten und die Provinzen sollten weniger Geld aus der Staatskasse erhalten. Auch die Sozialleistungen wollte er kürzen. Er scheiterte an der Politik und am Volk. Kaum hatte der Wirtschaftsminister sein Konzept vorgestellt, brach im ganzen Land ein Sturm der Entrüstung los. Binnen 24 Stunden traten die Minister für Inneres, Bildung und Soziales sowie zahlreiche Staatssekretäre zurück. Die Partei Frepaso kündigte an, ganz aus der Regierung auszusteigen. Damit hatte Staatspräsident De la Rúa die Mehrheit im Parlament verloren.

Der Protest auf der Regierungsbank fand auf den Straßen seinen Widerhall: Die beiden großen Gewerkschaftsverbände, Studenten, Professoren und Tabakarbeiter kündigten Demonstrationen und einen Generalstreik an. Auch die Vertreter der arg von Kürzungen gebeutelten Provinzen brachen jegliche Zusammenarbeit mit der Regierung ab. Der Präsident verhängte den Notstand, um per Dekret zu regieren.

Zwei Tage lang blieb das Staatsoberhaupt stark, dann gab er nach und degradierte seinen Wirtschaftsminister. Er nahm ihm die Hoheit über die zentralen wirtschaftspolitischen Aufgaben und übertrug sie dem Mann, der am vergangenen Wochenende als Gegenspieler aufgetaucht war: Domingo Cavallo.

Cavallo war der dritte Mann am Montagabend in der Präsidentenrunde. Sein Wort gilt in Argentinien, seit er Anfang der neunziger Jahre die argentinische Wirtschaft reformierte. Der 54 Jahre alte Ökonom hat in Harvard und in Córdoba promoviert. Seinem Kontrahenten López Murphy warf er vor, keine Idee zu haben, wie er die Konjunktur stimulieren könne. Der ließ sich das nicht bieten und trat ohne weitere Erklärung zurück. Cavallo stellte sich am Dienstag als neuer Wirtschaftsminister der Öffentlichkeit.