Berlin Immer retten ihn seine Gegner. Als Jürgen Trittin im Sommer 1999 schon einmal vor dem Rücktritt stand, war es Oswald Metzger, der sich den "Befreiungsschlag" öffentlich herbeiwünschte. Er sprach aus, was viele dachten - und der Umweltminister war gerettet. Wem so offen die innerparteiliche Solidarität verweigert wird, der hat sie schon wieder gewonnen. Rechtfertigen musste sich hernach nur noch Metzger.

Jetzt sind es Friedrich Merz und Guido Westerwelle, die mit ihrer Patriotismus-Kampagne die jüngste Entgleisung des Ministers vergessen machen und die Grünen neuerlich in die Zwangssolidarität treiben. Wegen dessen Satzes "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" bezeichnete Trittin den CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer als "Skinhead". Im Gegenzug möchte nun die Opposition den fragwürdigen Satz, der bisher vor allem als Erkennungsmelodie für rechte Spinner galt, zu einer Art Gesinnungsbekenntnis für bundesdeutsche Spitzenpolitiker küren. Und weil die Reflexe auf beiden Seiten so prächtig funktionieren, darf auch Jürgen Trittin wohl noch für eine Weile bleiben, was er ist: der unbeliebteste Minister der Republik, dessen offen zur Schau getragener Zynismus den Widerwillen gegen die rot-grüne Koalition befördert.

Und der es seiner Partei so schwer macht, mit ihrem Thema Umwelt öffentliche Resonanz zu erzielen.

Gesinnungsstarke Reden auf grünen Parteitagen Man findet kaum einen Grünen, der das Problem Trittin bestreiten würde. Man findet allerdings auch kaum einen, der ernstlich daran glaubt, die Partei könne sich ihrer Hypothek im Ministerrang entledigen. Der Mann ist untragbar.

Aber irgendwie auch unverzichtbar. In diesem Paradox hat sich Trittin recht komfortabel eingerichtet. "Ich tauge nicht als Everybody's Darling", sagt er über sich. Mit den Aversionen, die er auslöst, hat er zu kokettieren gelernt.

Will man begreifen, warum Trittins Karriere bei den Grünen so steil verlaufen ist und warum sie - gegen alle guten Gründe - partout kein Ende findet, stößt man unweigerlich auf Joschka Fischer. Er war es, der 1994, als die rot-grüne Koalition in Niedersachsen endete, den arbeitslos gewordenen Landesminister an die Spitze der Partei schob. Für das Konzept des "Burgfriedens", mit dem die Flügelkämpfe der Vergangenheit beendet werden sollten, wurde ein Politiker gebraucht, der kühl, taktisch und zynisch genug war, mit Fischer die innerparteilichen Kompromisse auszuhandeln, und radikal genug, um die Partei-Linke hinter sich zu versammeln. Für beides war Trittin damals die Idealbesetzung.

Von den Folgen dieses Arrangements hat sich die Partei bis heute nicht erholt. Denn die Linke einzubinden bedeutete zugleich, sie zu pflegen und zu stabilisieren - unabhängig von der Tatsache, dass ihre Ideen in dem Maße illusorisch wurden, in dem sich die gesamte Partei auf eine Regierungsbeteiligung hin orientierte. Weil aber seine Machtstellung auf der Stärke des von ihm repräsentierten Flügels basierte, ließ der Linkspopulist Trittin keine Gelegenheit aus, der Partei die Positionen einzutrichtern, die der Taktiker Trittin längst als Dispositionsmasse eines etwaigen Eintritts in die Regierung ausgemacht hatte. Während er mit gesinnungsstarken Reden ganze Parteitage euphorisierte (und in Unmündigkeit hielt), vollzog er im Kopf schon seinen persönlichen Ausstieg aus dem linken Radikalismus. Die Linke stark zu halten war für Trittin das sichere Ticket ins Kabinett. Dass er, dort angekommen, flugs die Ideologien ablegte, die er für seinen Aufstieg instrumentalisiert hatte, überraschte dann nur noch diejenigen in der Partei, die sich jahrelang an ihnen begeistert hatten.