Es ist keineswegs so, dass André Heller vor dem Kärntner Demagogen irgendeine Art von Respekt empfände. Aber dass Jörg Haider, der archetypische Repräsentant einer prädemokratischen, antimodernen Leitkultur mitten in Europa, einen untrüglichen Sinn fürs Populäre und zugleich für den besten Zeitpunkt hat, muss der Wiener Multimedienkünstler anerkennen. Denn im gegenwärtigen Wiener Wahlkampf setzt Haider erstmals unverhohlen auf die Karte des Antisemitismus. Und siehe da: Für ihn könnte es sich lohnen. Und es erregen sich nur diejenigen, die eh immer dagegen sind. Der Heller. Die Juden. Israel. Das Außenministerium in Washington. "Die Ostküste" (etwa der World Jewish Congress).

Bisher, sagt Heller, habe "der Haider" sorgfältig darauf geachtet, nicht als Antisemit überführt zu werden. In der Tat: Alles Mögliche hat er im Lauf der Zeit von sich gegeben, um den Ewiggestrigen und den Neusiedlern in diesem Sumpf zu signalisieren, dass sie bei ihm gut aufgehoben sind. Von Hitlers Vollbeschäftigungspolitik bis zur Ehrenerklärung für ehemalige SS-Angehörige reicht Haiders traditionelles Code-Repertoire für rechtsradikale Traditionswähler. Zusammen mit dem wachsenden Wählerverdruss über die Große Koalition und der unter kleinen Leuten allzeit mobilisierbaren Angst vor Fremden reichte das für die Wahlerfolge, die Anfang 2000 schließlich die ominöse Rechts-rechts-Koalition aus konservativer ÖVP und reaktionärer FPÖ möglich machten.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Regieren unter Sparzwängen nutzt ab.

Regionale Rückschläge machen Haider, den inoffiziellen Parteichef der FPÖ, nervös. In der Partei gab es Streit, Rücktritte, Austritte. Da hat jede Zimperlichkeit ein Ende, Haider kennt keine Tabus mehr. In den Wochen vor der symbolträchtigen Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl am 25. März eröffnete der Kärntner Landeshauptmann (Ministerpräsident) in Wien, dem Mutterboden für Hitlers Antisemitismus, seine Frühjahrsoffensive. In einer Offenheit, wie sie selbst in dieser Stadt ungewöhnlich ist, nimmt er "die Juden" aufs Korn.

Da bleibt kein Auge trocken. Vor Lachen, versteht sich. Denn in Wien ist auch der Antisemitismus eine Gaudi, besonders heutzutage, da die Schamschwelle gesunken und "das Empörungspotenzial geschrumpft" (Heller) ist. So grölte das Publikum, als Haider neulich den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Ariel Muzicant, öffentlich verhöhnte ("I versteh überhaupt nicht, wie einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Steck haben kann"). Und die Fröhlichkeit ist gewaltig, wenn Haider sein Publikum darüber informiert, dass dem sozialdemokratischen Bürgermeister Häupl im Wahlkampf ein Exberater Bill Clintons unter die Arme greift, der Greenberg heiße (spontanes, wissendes Gelächter!). Den habe Häupl sich "von der Ostküste" geholt: "Liebe Freunde, ihr habt die Wahl, zwischen Spindoctor Greenberg von der Ostküste oder dem Wienerherz zu entscheiden." Einige Kommentatoren und Intellektuelle mögen das ekelhaft finden. Aber der christdemokratische Kanzler sieht zu und schweigt.

Für einige ist das der eigentliche Skandal dieser Wahl.

Wolfgang Schüssels ÖVP wird in Wien nicht profitieren. Zwar regiert sie da seit der vorigen Wahl (1996), gestützt auf karge 15,3 Prozent, mit der SPÖ (39,2), sie hat jedoch seit Haiders Provokationen kaum eine Chance mehr, an der FPÖ vorbei auf Platz zwei zu rücken. Hingegen würde ein gebremster Fall der FPÖ, die schon einen Absturz um 10 Prozent (von 27,9) befürchtet hatte, Schüssels eigene Koalition stabilisieren. Was will er mehr?