Mit der deutschen Einheit hatte kaum jemand gerechnet. Sie kam, bis auf die Demonstrationen in einigen Städten der DDR, 1989 fast ohne Zutun der Deutschen, deren Politiker nur die Abwicklung der Wiedervereinigung betrieben. Deshalb hat man sich daran gewöhnt, in ihr einen selbstverständlichen Vorgang zu sehen, der verbindet, was sowieso zusammengehört. Doch diese Sicht gab und gibt die Realität unzureichend wieder. Das Deutschland einende Gefühl selbstverständlicher Zusammengehörigkeit ändert nichts daran, dass zwei ganz unterschiedliche Gesellschaften in einen Staat eingeflossen sind. Der staatliche Rahmen der gemeinsamen Verfassung, der gemeinsamen Gesetze, des gemeinsamen Wirtschaftsraumes oder der gemeinsamen Außenpolitik hat dieser Unterschiedlichkeit zwar neue Akzente verliehen - eine deutsche Gesellschaft aber gibt es bis heute nicht.

Es gibt eine deutsche Nation. Aber die Entwicklung der Gesellschaft verläuft noch immer in zwei Bahnen: in der östlichen und der westlichen. Die Ursprünge dieser Trennung sind einerseits im doppelt totalitären Erbe der ostdeutschen Gesellschaft zu suchen. Andererseits aber entstammen sie der Entwicklung seit der Wiedervereinigung. Es ist die beispiellose sozialstaatliche Abfederung des Vereinigungsprozesses, die es Ostdeutschen erlaubt, in sowjetsozialistischer Mentalität zu verharren. Warum ist das so?

Ostdeutschland stellt einen Sonderfall der postkommunistischen Systemtransformation dar. Diese Transformation hat das Ziel, die kommunistischtotalitär verfasste Gesellschaft zur Demokratie und zum Markt zu führen sowie die neuen Systeme zu festigen. Das Besondere dieser Umwandlung in Ostdeutschland im Vergleich zu anderen postkommunistischen Gesellschaften liegt darin, dass sie innerhalb eines westlichen Staates stattfindet.

Neben vielen Ähnlichkeiten der Gesellschaften gibt es für jedes Land spezifische, historisch-kulturell geprägte Entwicklungen. Die so genannte Transformationsforschung erklärt diese Besonderheiten mit den Traditionen des jeweiligen Landes vor dem Kommunismus, mit dem Erbe der kommunistischen Herrschaft im jeweiligen Land und mit den je besonderen Bedingungen des Umbruchs.

Hierzulande dagegen tut man gern so, als hätte in Ostdeutschland 1989/1990 die Stunde null geschlagen, als hätte sich Ostdeutschland mittels eines Zauberspruchs seines doppelten totalitären Erbes entledigt. Diese verkürzte Sicht ist nachvollziehbar angesichts des Vorrangs der Aufgabe, die nationale Wiedervereinigung Deutschlands zu vollenden. Doch die Konzentration auf das Nationale führt zur Unfähigkeit, geschichtlich zu denken und Vergleiche mit anderen postkommunistischen Gesellschaften zu ziehen. Da die ostdeutsche Gesellschaft so gut wie nie als eine postkommunistische betrachtet wird, werden zur Erklärung der ostdeutschen Transformation bis heute Mythen bemüht.

Im nationalen Rausch zu Beginn der neunziger Jahre betrachtete man die DDR allen offenkundigen Indizien zum Trotz als das wirtschaftlich erfolgreichste Land der eben zerfallenen "sozialistischen Staatengemeinschaft". Wie schwer die Aufgaben waren, vor der das wiedervereinigte Deutschland stand, geriet völlig aus dem Blick. Tatsächlich musste niemals zuvor in der Geschichte eine ökonomisch am Boden liegende Gesellschaft binnen kürzester Zeit in eine Wohlstandsgesellschaft integriert werden. Die Vorstellung vom "tüchtigen Deutschen" konnte keine andere Lösung dieses Problems bieten als den Aufruf, nun müsse man eben die Ärmel hochkrempeln und arbeiten.

Mit der Massenarbeitslosigkeit kam bereits in den frühen neunziger Jahren tiefe Ernüchterung. Und bis heute gibt es keinerlei realistische Perspektive, wie Ostdeutschland - mittlerweile ein Land mit moderner Infrastruktur - die ökonomische Stärke der alten Bundesländer erreichen könnte. Seit Jahren fällt das Wirtschaftswachstum im Osten der Bundesrepublik geringer aus als im Westen.