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Es haut einfach noch nicht richtig hin mit der Kunstauktion im Internet.

Nach zwei Jahren und Verlusten von zehn Millionen Dollar verkündete artnet.com Ende Januar das Ende seines Online-Kunsthandels. Noch weitaus mehr, rund 56 Millionen Dollar, hat Sotheby's allein im letzten Marktjahr in das World-Wide-Web-Geschäft gesteckt. Dem stehen bei sothebys.com lediglich defizitäre Umsätze von 52,9 Millionen Dollar gegenüber.

Glaubt man der Studie des Marktforschungsunternehmens webmergers.com mit Sitz in San Francisco, haben in der ersten Jahreshälfte des vergangenen Jahres 238 Web-Unternehmen in der Kunstbranche entweder Konkurs angemeldet, Mitarbeiter entlassen, den Gang an die Börse verschoben oder ihre geschäftlichen Aktivitäten verlagert.

Schnell verflogen ist die Euphorie der Anfänge von vor zwei Jahren, als die damalige, inzwischen wegen Preisabsprachen mit der Konkurrenz Christie's zurückgetretene Sotheby's-Direktorin Diana Brooks im September 1999 zur ersten hauseigenen Online-Auktion den "Weg in ein neues Zeitalter" beschwor.

Gleichzeitig hatte das New Yorker Marktforschungsunternehmen Jupiter Communications einen Umsatz von weltweit sieben Milliarden US-Dollar für Internet-Kunstversteigerungen für das Jahr 2002 prognostiziert - allerdings mit der gern überhörten Einschränkung auf das untere Ende der Angebotsskala mit Konsumgütern, Flohmarktartikeln und, wenn überhaupt, niedrigpreisiger Kunsthandelsware, Grafik und Fotografie.

Strahlender Star der Branche ist bislang allein das kalifornische Online-Auktionshaus ebay. Der anvisierte Höhenflug mit dem Kauf des Kunstauktionshauses Butterfield für 260 Millionen Dollar und der gemeinsamen Website Great Collections in hochpreisige Regionen war zwar auch eine Bauchlandung, aber immerhin verzeichnete ebay mit seinen Verkäufen unter 500 Dollar pro Einlieferung und mehr als acht Millionen Kunden im Jahr 2000 einen Zuwachs von rund 80 Prozent.

Erste Erfolge wie 168 000 Dollar für eine Arbeit von Lucio Fontana bei artnet.com, 63 250 Dollar für einen Gold and Silver Shoe von Andy Warhol bei sothebys.com und gar 8,14 Millionen Dollar für ein Exemplar der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 beim gleichen Unternehmen schienen die Skeptiker zunächst eines Besseren zu belehren.

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Doch die ersten Erfolge trugen nicht - die Gewinne standen in keinem Verhältnis zu den Investitionen. In den ersten neun Monaten erwirtschaftete artnet.com bei einem Umsatz von rund 1,9 Millionen Dollar (rund 4 Millionen Mark) lediglich 95 000 Dollar (etwa 200 000 Mark). Inzwischen beziffern sich die Verluste auf 10 Millionen Dollar.

Hans Neuendorf, einst erfolgreicher Galerist in Deutschland und seit 1988 beteiligter Geschäftsführer von artnet.com in New York, glaubt nach wie vor an das Prinzip der Online-Auktion. Neuendorf: "Die Vorteile liegen auf der Hand. Die Auktionen sind unabhängig von saisonalen Rhythmen, die Gegenstände müssen nicht transportiert und versichert, keine Kataloge gedruckt werden, das senkt die Kosten."

Langfristig mag das durchaus so sein, zunächst aber stiegen die Kosten - auch bei Sotheby's. In zwei Jahren sind dort mehr als 90 Millionen Dollar in das Internet-Geschäft geflossen, ohne dass die verschiedenen ausprobierten Modelle sich amortisiert hätten. Zunächst verbündete sich das Haus mit Amazon.com, einem Internet-Anbieter mit einer Kartei von zehn Millionen Kunden. Die scheinbar perfekte Liaison - vom einen das hochklassige Label, vom anderen das Know-how im Netz - wurde nach einem Jahr bereits wieder aufgegeben, und Sotheby's versuchte es im Alleingang mit Exklusivverträgen mit zahlreichen renommierten Kunst- und Antiquitätenhändlern, die ihrerseits für die ins Netz eingestellten Werke selbst die Verantwortung übernehmen.

Bei der Konkurrenz Christie's kann man sich entspannt zurücklehnen - das Engagement im Internet beschränkt sich bisher nur auf die Einstellung der Saalauktionen ins Netz mit der Möglichkeit zum Mitbieten. Ob das nun unternehmerischem Weitblick oder aber eher einer verschlafenen Gelegenheit zuzumessen ist, sei dahingestellt.

Dass das Internet umgekehrt eine unendliche Fundgrube sein kann, davon schwärmt nicht nur der Aachener Sammler Wilhelm Schürmann. "Kennerschaft wird im Netz enorm belohnt", sagt er. Man müsse eben nur wissen, wie man das "geniale Werkzeug" nutze. Mehr als 200 Objekte hat er zu absoluten Untermarktpreisen erworben - ohne sich als bekannter Sammler zu outen und damit die Preise hochzutreiben.