Am 14. Juli 1998 hat Frankreich seine Nationalfarben gewechselt: "Black, blanc, beur" jubilierten die Zeitungen nach der gewonnenen Fußballweltmeisterschaft. Das Wortspiel bedeutet sinngemäß: "Wenn unsere besten Schwarzen, Weißen und Arabischstämmigen (beur) zusammenspielen, dann schlagen wir die ganze Welt."

Funktioniert das auch anderswo, in Unternehmen, Konzernen und Behörden?

Bislang sicher nicht. Die französischen Spitzenbeamten, Chefredakteure, Manager und Politiker, die einflussreichen Richter und Anwälte sind weiß, ihr Nachwuchs ebenfalls. Es gibt kaum Kinder aus nord- oder schwarzafrikanischen Familien, die Karriere machen. Das will das Institut d'études politiques, genannt "Sciences-Po", das französische Pendant zu Harvard, Cambridge und Oxford, jetzt mit einem Förderprogramm ändern. Die Pariser Eliteuniversität will zusammen mit den Lehrern von sieben Gymnasien in sozialen Spannungsgebieten nach intelligenten und motivierten Abiturienten suchen. Im Visier sind Kinder aus Einwandererfamilien - auch wenn dies aus Gründen politischer Korrektheit nicht offen gesagt wird. Für sie werden ein eigenes Aufnahmeverfahren und ein Stipendium eingerichtet (bis zu 18 000 DM im Jahr), im Studium genießen sie eine besonders aufmerksame Betreuung.

"Wir wollen den Zugang zur Elite demokratisieren", sagt der Rektor von Sciences-Po, Richard Descoings, und hat damit eine stürmische Debatte ausgelöst: Kann gezielte Förderung ethnischer Minderheiten den intellektuellen Genpool auffrischen? Oder wird vielmehr ein funktionierendes Auswahlverfahren ruiniert, nämlich die im Prinzip neutrale Aufnahmeprüfung nach dem Zentralabitur, der concours républicain?

Amerikas Eliteuniversitäten haben mehr als 30 Jahre Erfahrung mit Minderheitenförderung. Gerhard Casper, langjähriger Präsident der Stanford University, verteidigt das Konzept mit ähnlichen Argumenten wie Richard Descoings: "Wir wollen eine möglichst vielfältige Studentenschaft, die sich gegenseitig anregt. Die Hälfte ihres Wissens erwerben Studenten im Umgang miteinander - und nicht mit Professoren." Ethnischen Minderheiten dürfe aber nur die Aufnahme erleichtert werden, beim Studium müssten gleiche Anforderungen für alle gelten. Noch immer wird gestritten, ob besondere Aufnahmeprüfungen für schwarze Studenten diese nicht als minderwertige "Quotenabsolventen" abstempeln und so benachteiligen - jetzt wird auch in Frankreich darüber debattiert. Eine Untersuchung von 3500 schwarzen Studenten, die 1976 und 1989 mit Förderprogrammen in angesehene amerikanische Universitäten gelangten, spricht dagegen: Ihre Studienleistungen sind überdurchschnittlich, ihr beruflicher Erfolg ebenso.

Die Republik ist auf begabte Underdogs angewiesen

Der Protest gegen Descoings Pariser Projekt steht in keinem Verhältnis zum Umfang des Förderprogramms: Höchstens 60 zusätzliche Studienplätze sollen entstehen. Allein die Sciences-Po zählt 4 200 Studenten, alle französischen Universitäten sogar 1,4 Millionen. Im Grunde geht es auch nicht um Zahlen, sondern um das französische Bildungssystem insgesamt und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Republik. Kann sie es sich erlauben, auf viel versprechende Underdogs zu verzichten? Dabei existiert in Frankreich durchaus eine Art Minderheitenförderung. Einige Dutzend hoch begabter Schüler aus dem ganzen Land können von ihren Lehrern jedes Jahr an das staatliche Eliteinternat Louis-le-Grand geschickt werden, das früher Kindern aus allen Milieus den sozialen Aufstieg eröffnete - etwa dem Postbeamtensohn Pierre Bourdieu oder dem ehemaligen Premierminister Alain Juppé. Sie stammen aus einfachen Verhältnissen in der Provinz. Für Kinder aus Einwandererfamilien funktioniert dieser "gesellschaftliche Fahrstuhl" nicht.