Mordeten die Polen die Juden gemeinsam mit den Deutschen? Es gibt kaum eine Behauptung, die so absurd, kaum ein Vorurteil, das so falsch wäre. Keine polnische Familie wurde vom Nationalsozialismus und dem sowjetischen Kommunismus vorschont. Beide Diktaturen vernichteten drei Millionen Polen und drei Millionen polnische Staatsbürger, die von den Nazis als Juden klassifiziert wurden. Die polnische Nation brachte keinen Quisling hervor, keine polnische Armee-Einheit kämpfte an der Seite der Deutschen. Das eigene Land infolge des Ribbentrop-Molotow-Paktes von zwei Totalitarismen besetzt, standen Polen vom Anfang bis Ende des Krieges in den Armeen der Anti-Hitler-Koalition. In Polen entwickelte sich eine breite Bewegung des Widerstands. Damals rühmte der englische Premierminister die Polen wegen ihrer Teilnahme an der Schlacht um England, und der amerikanische Präsident nannte sie die "Inspiration der freien Welt". Dies hinderte beide nicht daran, sich in Jalta auf Kosten Polens mit Stalin zu verständigen. Das Land fiel dem Tyrannen in die Hände. Daraufhin fanden sich die Helden der Widerstandsbewegung als Feinde des Stalinschen Kommunismus im sowjetischen Gulag und in polnischen Gefängnissen wieder. Diese historische Entwicklung prägte die Sicht der Polen auf die eigene Geschichte: Polen sei stets das unschuldige Opfer von feindlicher Gewalt und fremder Intrige gewesen.

In Wahrheit hat der Antisemitismus in Polen tiefe Wurzeln. Im 19. Jahrhundert, als der polnische Staat nicht existierte, bildete sich die Nation auf ethnischer und religiöser Basis. Dabei wurde, wie anderswo, der Antisemitismus zum ideologischen Kitt der "Nationaldemokratie". Zwischen den Weltkriegen war der Antisemitismus auf der nationalistischen Rechten selbstverständlicher Bestandteil der Ideologie auch katholische Würdenträger setzten antisemitische Akzente. In den dreißiger Jahren wurden Juden in Polen von antisemitischen Kampftrupps und Pogromen bedroht.

Dennoch kollaborierte die Rechte in Polen nicht mit den Nazis - anders als in den meisten anderen europäischen Ländern. Vielmehr beteiligte sie sich am Kampf gegen Hitler. Polnische Antisemiten halfen Juden, obwohl darauf die Todesstrafe stand. Ein polnisches Paradoxon: Im besetzten Polen konnte man zugleich Antisemit und Held des antideutschen Widerstands sein.

Vor ein paar Jahren erinnerte das Krakauer Wochenblatt Tygodnik Powszechny an den Aufruf der katholischen Front der Polnischen Wiedergeburt, publiziert im August 1942. Autorin war die populäre katholische Schriftstellerin Zofia Kossak-Szczucka. Sie schrieb: "Im Warschauer Ghetto warten einige hunderttausend Opfer auf ihren Tod. Es gibt für sie keine Überlebenschance, es wird keine Hilfe für sie kommen. Die Zahl der umgebrachten Juden hat bereits eine Million überschritten, sie steigt täglich. Alle werden vernichtet: Arm und Reich, Greise, Frauen, Männer, Jugendliche, Säuglinge, Katholiken, jene, die mit dem Namen Christi und Marias auf den Lippen sterben, ebenso wie die Altgläubigen. Ihre Schuld ist, dass sie als Mitglieder der jüdischen Nation geboren wurden, die Hitler zum Tode verurteilt hat.

Die Welt schaut diesem Verbrechen zu, dem schrecklichsten, das die Geschichte je gesehen hat - und sie schweigt. Das Abschlachten von Millionen wehrloser Menschen findet in unheimlicher Stille statt. Weder England noch Amerika erhebt die Stimme. Es schweigt sogar das internationale Judentum, es schweigen auch die Polen. Die polnischen Freunde der Juden verfassen journalistische Notizen. Die polnischen Gegner der Juden zeigen Desinteresse.

Dieses Schweigen darf nicht mehr toleriert werden. Welche Ursachen es auch haben mag - es ist gemein. Wer schweigt, wird zum Mittäter. Wer nicht verurteilt, billigt.