Am 15. Dezember 1903 geht es beschwingt, ja euphorisch zu im Großherzoglichen Museum für Kunst und Kunstgewerbe am Weimarer Karlsplatz, dem heutigen Goetheplatz. Hier haben sich Max Klinger, Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt und viele andere Mitstreiter versammelt, um den Deutschen Künstlerbund ins Leben zu rufen - gegen die pompöse Staatskunst Kaiser Wilhelms II. und seines Chefdekorateurs Anton von Werner. Was tut es, dass Klinger in dem Toast auf Seine Königliche Hoheit, den jungen Großherzog Wilhelm Ernst, viermal stecken bleibt? Das Malheur scheint in der allgemeinen Hochstimmung unterzugehen. Als man den Souverän zu dem Erfolg beglückwünscht, reagiert er freilich nicht nur auf die rhetorische Panne, sondern auf die ganze Gründung ziemlich ungehalten: "Ja, ein schöner Erfolg, ich soll mich wohl auch noch freuen, daß ich Geld bezahlen soll."

Aber es gab in jenen Aufbruchstagen auch stillere, sozusagen entrücktere Momente, als etwa Hugo von Hofmannsthal, auf der Bühne des Heckentheaters im nächtlichen Schlosspark von Belvedere, ins Improvisieren kam. Der belgische Architekt und Formgestalter Henry van de Velde, einer der Protagonisten der Bewegung, erzählt es aus der Rückschau eines halben Jahrhunderts: "Über uns leuchtete das Firmament. Hugo befand sich allein auf der Bühne ... Sein Gebärdenspiel war völlig entspannt ... er sprach von Stücken, die er für dieses Theater schreiben wollte. Plötzlich schwieg er und blieb, wie von einem kalten Traum überfallen, unbewegt stehen ... Die Identifikation mit dem Theater im Belvedere-Park, die Vorstellung von Goethes Gegenwart, der Gedanke eines neuen Weimar hatten sein Wesen im Innersten ergriffen."

Der Spiritus Rector dieses Neuen Weimars aber hieß Harry Graf Kessler, damals Mitte dreißig, als Weltmann und Weltbürger ständig unterwegs zwischen Menschen, Ländern und Epochen. Sohn einer Engländerin und eines deutschen Bankiers, war er kosmopolitisch erzogen und reich - zu Hause in den Ateliers Pariser Impressionisten, in den Salons Berliner Kunsthändler und stets in vertrautem Gespräch mit Ministern und Botschaftern. Der Großherzog hatte ihn 1903 eigentlich nur nach Weimar berufen, damit er das Museum für Kunst und Kunstgewerbe reorganisiere, wie auch van de Velde lediglich den Auftrag erhalten hatte, die in dem Ländchen ansässigen Kunsthandwerker und Kleinindustrien mit den modernen Entwicklungen auf ihren Gebieten vertraut zu machen.

Nicht mehr war vom Großherzog beabsichtigt, aber im Wunschdenken der beiden Visionäre nahm die Sache bald ganz andere Dimensionen an. Sie wurden zusätzlich stimuliert durch Elisabeth Förster-Nietzsche, die Schwester des (in Weimar verstorbenen) Philosophen, die im Zeichen dieses Werte-Zertrümmerers eine neue Glanzzeit über der Stadt heraufdämmern sah. Die Umgestaltung von Nietzsches Sterbehaus zu einem Archiv und zu einer Kultstätte war denn auch van de Veldes erste bedeutsame Arbeit in Weimar. Auf die Wiedergeburt der ganzen deutschen Kultur war schließlich das Neue Weimar angelegt, wie es Kessler verstand und seinen Freunden so beredt an die Wand projizierte.

Die Hoffnungen des Grafen wurzelten in der erstaunlichen Tatsache, dass vier Generationen des Weimarer Fürstenhauses - die Vorfahren des nunmehr regierenden Wilhelm Ernst - sich ganz der Kunst und Kultur verschrieben hatten. Frauen, aus anderen Familien eingeheiratet, waren dabei besonders hervorgetreten, so bereits die Welfin Anna Amalia, die durch die Berufung Wielands 1772 und durch weitere wichtige Entscheidungen die eigentliche Schöpferin der Kulturstadt Weimar gewesen ist.

Korrespondenten aus London und Paris reisen an Ohne sie hätte es jedenfalls keine Weimarer Klassik gegeben, auch nicht ohne ihren Sohn Carl August, der 1775 den jungen Goethe an seinen Hof zog und für immer zu halten verstand. Es war eine lebenslang erbrachte mäzenatische Großtat, trotz der Schwankungen, von denen das Verhältnis des Dichters zu seinem Schirmherrn und Freund berührt worden sein mag. Herder und Schiller folgten, nicht zuletzt die zahlreichen Fremden, die vorher das bescheidene Residenzstädtchen eher gemieden hatten und nun begeistert nach Weimar pilgerten.

Carl Augusts reiche Schwiegertochter, die Zarentocher Maria Pawlowna, holte 1841 Franz Liszt in die Stadt und eröffnete damit Weimars "Silbernes Zeitalter", dem in der Regierungszeit ihres Sohnes Carl Alexander ein langes Abendleuchten beschieden war. Auch ihm stand eine begüterte und verständnisvolle Frau zur Seite, die aus Holland stammende Sophie, deren Privatschatulle die letzten Leistungen des Fürstenhauses ermöglichte: die Erneuerung der Wartburg bei Eisenach, die Begründung von Weimarer Malerschule und Goethe-Nationalmuseum, der Bau des Goethe- und Schiller-Archivs.