Sie war das jüngste Kind der Familie, ein Nachkömmling, das letzte von fünf Kindern und das schüchternste. Sie mochte keine Milch, und die Geschwister sagten, Milch trinkt sie nur bei anderen Leuten, aus Schüchternheit.

Als sie drei Jahre war, zog die Familie nach Turin, weil der Vater, ein Anatomieprofessor, an die dortige Universität berufen worden war. Die neue Wohnung war sehr groß, schrieb sie später in ihrer Familienchronik, sie hatte zehn oder zwölf Zimmer, einen Hof, einen Garten und eine Glasveranda

sie war jedoch sehr dunkel und gewiß feucht, denn im Winter wuchsen im Klo zwei oder drei Pilze.

Ihre Geschwister gingen schon alle aufs Gymnasium. Aber die kleine Tochter sollte daheim von der Mutter Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, weil der Vater fürchtete, sie werde sich in der Schule nur Krankheiten holen. Mit dem Rechnen kam sie nicht weit, aber das Schreiben gefiel ihr immer mehr.

Doch da sie nicht in die Grundschule kam und die Eltern nicht in die Kirche gingen, auch nicht in die Synagoge wie Verwandte des Vaters, fühlte sie sich ausgeschlossen. Sie wollte sein, wie alle waren. Und als sie einmal Was sind wir? fragte, bekam sie die Antwort: Wir sind nichts! Wir sind gemischt, halb Juden und halb katholisch, also nichts.

Dieser Antwort konnte sie auch nicht entnehmen, ob die Familie zu den Reichen oder zu den Armen gehörte. Von den Eltern hörte sie ständig, es sei kein Geld da. Doch in einem war sich die Familie einig: Sie alle waren gegen den Faschismus.

Als sie elf war, kam auch sie aufs Gymnasium, wo sie sich lange nicht traute, eins der Kinder anzusprechen. Erst als sie mit ihren meist sehr guten Aufsätzen auffiel, die sie häufig vorlesen musste, fühlte sie sich besser und fand auch Freundinnen. Mit neunzehn Jahren machte sie das Abitur und begann ein Studium der Literaturwissenschaft, das ohne Abschluss blieb. Doch schrieb sie da schon Geschichten und begann einen Roman.