Es gibt, vor allem bei rotem Schaumwein, die so genannten Überschäumer: Nach dem Öffnen der Flasche ergießt sich eine unanständige Menge Schaums in die Welt und verweigert sich insoweit dem Trinkgenuss. Gushing heißt das Phänomen, und mein Leib- und Magenschmerzenblatt (aufmerksame Leser wissen, welches gemeint ist) widmete dieser Erscheinung unlängst einen mehrseitigen Fachartikel. Anstatt sogleich zur Erklärung anzusetzen, teilt der Text das Phänomen, wie es sich gehört, zunächst einmal ein: in "echtes" und "unechtes" Gushing . Ist doch was, oder? "Ich interessiere mich für unechtes Gushing " - was für eine Eröffnung eines Small Talks!

Unechtes Gushing , und hier sei Hans-Peter Bach von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt Trier zitiert, "setzt Blasenkeime voraus", was nicht das ist, was Sie vielleicht denken, sondern einfach Schmutz und Schmodder, an dessen Partikeln sich im Wege der Oberflächenchemie und -physik Blasen bilden. Vergessen wir's, denn der Kern des Problems ist, wie zu erwarten, das echte Gushing , dessen Ursache im Grundwein des Sekts zu finden ist oder vielmehr zu suchen, denn die Wissenschaft schreitet langsam und kuhnmäßig (Paradigmen! Generationen!) voran, und also fragt Herr Bach: "Wie kann das Wildwerden des Sekts verhindert werden? ", obwohl Sekt doch bei Gelegenheit das Wildwerden eher unterstützen soll, aber das ist ein vollkommen anderes Thema und gewiss nicht das dieser Kolumne.

Bach widerspricht jedenfalls der Mikroblasentheorie, der zufolge winzige Gasblasen in das Getränk eingewirbelt werden, die als Blasenkeime (siehe: unechtes Gushing ) fungieren. Nein, sagt Bach, viele experimentelle Befunde sprechen dagegen, und er führt sie alle auf, ebenso die neueren Theoriekandidaten, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass Fett-Emulsionen im Grundwein (urgs), die aus unterschiedlichen Gründen auseinanderbrechen, unter bestimmten Umständen eine Art Kammer bilden können (Herr Bach möge mir diese laienhafte Darstellung verzeihen), in der sich Blasen bilden. Einer der Umstände ist, dass Fettsäuren, deren Kopf hydrophil und deren Schwanz hydrophob (also fettabweisend) ist, sich ungünstig gruppieren. Alles klar.

So viel sollten Sie von alledem behalten: Wenn demnächst der rote Schaumwein aus der Flasche spritzt, kommentieren sie so trocken wie möglich: "Klarer Fall von echtem Gushing . Schuld ist der hydrophobe Schwanz. "

Und dann entfernen Sie sich schnell.

Das rät Ihnen

Ihr Gero v. Randow