Hollywood hat wieder die Zähne gezeigt. Nicht nur trug Julia Roberts während der Oscar-Verleihung das breiteste Siegerlächeln der Welt. Vor allem triumphierte mit dem Gladiator ein alter Haudegen des Kinos, ein totgesagtes Genre, das noch einmal erfolgreich in die nachpolierte Rüstung steigen konnte. Sind nur die Waffen frisch geschärft, wird auch die längst geschlagene Schlacht aufs Neue spannend. Außerdem tritt das Volk der Zuschauer seiner Heldengestalt im römischen Kolosseum viel unmittelbarer entgegen als in den unübersichtlichen Arenen zeitgenössischer Kinokämpfe. Der trickreiche Kreuzzug von Erin Brockovich im Namen der Umwelt und der Viel-Fronten-Krieg gegen die Drogenmafia in Traffic mag die Filmindustrie mit ihrem sozialen Gewissen versöhnen. Den Hauptpreis aber hat die Academy lieber einem Werk verliehen, in dem Hollywood sich unter Fanfarenklängen vor der eigenen Tradition verneigt. Es ist kein Wunder, dass in regelmäßigen Abständen nicht die wirklich originellen Werke mit dem Oscar für den Besten Film ausgezeichnet werden, sondern eher die geglückten Wiederbelebungsversuche, wie Titanic, Braveheart oder Gladiator. In ihnen spiegeln sich die beiden heimlichen Losungen der alljährlichen Zeremonie aufs klarste: "Hurra, wir leben noch!" heißt die eine, "Weiter so!" die andere.

Die frisch verstärkten Schlachtrufe, über die ganze Welt ausgestrahlt, kommen für die kalifornische Filmindustrie gerade recht. Sie hat ein schwaches Jahr hinter sich, und 2001 wird vermutlich noch schwächer werden. Denn es droht ein Doppelstreik, und die Gegner geben sich bisher unversöhnlich. Ende April läuft das Tarifabkommen der Drehbuchautoren aus, Ende Juni der Vertrag der Schauspieler. Beide Berufsverbände sind überaus mächtig und kämpfen, durchaus mit Recht, um mehr Einfluss und Geld für ihre Mitglieder. Die Studios stellen folglich zurzeit in großer Eile so viele Produktionen wie möglich fertig, damit sie auch während eines Ausstands noch Proviant genug haben für die stete Versorgung von Kinos und Fernsehkanälen.In der Notbewirtschaftung träte Hollywoods hässliche Seite deutlicher hervor. B- und C-Material müsste plötzlich in der A-Klasse antreten; das ohnehin schon recht frei an den jeweiligen Filmen vorbeimarschierende Marketing müsste noch großmäuliger auftreten; die Bosse müssten noch flächendeckender nach Musterbogen arbeiten lassen.

"Apocalypse now" - eine Losung für die Streikfront

So gesehen ist Gladiator ein Oscar-Sieger im Zeichen der Selbstvergewisserung: Die alten Muster ziehen noch, die Stoffe aus dem Fundus taugen immer wieder für einen Besten Film, letztlich entscheidet doch das Gepränge und nicht die originelle Idee. Zur Not greift man auf die kreative Idee von gestern zurück und verkauft sie ohne neue Dreharbeiten ein zweites Mal - diesmal als Director's Cut. Das Konzept hat den Vorteil, dass es die Hollywood fremde Lehre vom besser unangetastet schaffenden Künstler in Dienst nimmt für Hollywoods ureigene Methode: jede Erfolgsformel so lange wie möglich auszunutzen.

Auf dem Filmfestival in Cannes wird im Mai Francis Ford Coppolas Apocalypse Now aus dem Jahr 1979 neu aufgeführt, in einer um 53 Minuten ergänzten Fassung. Das ursprünglich schon gut zweieinhalbstündige Werk wird dann 210 Minuten lang sein; man kann auch sagen, es ersetzt künftig zwei gewöhnliche Vorstellungen. Ist Coppolas erweitertes Vietnam-Epos etwa Hollywoods Geheimwaffe gegen die drohende Austrocknung des Kinoprogramms? In den Zeiten des Ausstands könnte es jedenfalls doppelt von Nutzen sein. Apocalypse now - das macht sich gut als Mahnung an der Streikfront, und zugleich als Heilmittel gegen die Verödung der Säle.