Der eifrige Museumsdirektor Huang Xueqian empört sich: "Es ist schrecklich, was in Afghanistan passiert ist!" Doch im nächsten Augenblick zwinkert er munter mit den Augen: "Aber nun ist unser Buddha noch mehr wert." Leider hat er Recht. Huang zeigt auf eine vergilbte Fotoreihe mit den größten Buddhas der Welt. Da hängen auch die von den afghanischen Taliban-Kriegern zerstörten Statuen von Bamian, deren größere 53 Meter hoch war. Der nach wie vor größte Buddha der Welt allerdings ist 71 Meter hoch und sitzt draußen vor der Tür von Huangs Museum. Fragt sich nur: wie lange noch?

Während die Welt weiterhin den Taliban zürnt, rottet der Buddha von Leshan ("Berg der Freude") im Südwesten Chinas vor sich hin. Touristen haben seine acht Meter langen Fußrücken zertrampelt. Wind und saurer Regen zersetzen sein Antlitz. Von hinten droht ihm die Felswand auf den Nacken zu stürzen. Notdürftige Zementreparaturen führen zu weiteren Schäden. Alle Welt wollte Retter nach Bamian schicken. Hier in Leshan wären sie jedenfalls richtig - und willkommen. "Der Buddha von Leshan befindet sich in einem ernsten Zustand", warnt Yuan Shuguang, Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit im Pekinger Ministerium für Wissenschaft und Technik. Der für Denkmalpflege zuständige Beamte war gerade auf einer Inspektion in Leshan und würde am liebsten sofort internationale Experten dorthin holen.

Der Buddha mit dem Namen Lingyun ("der bis zu den Wolken reicht") ist mindestens ebenso einzigartig und wertvoll wie seine nur zwei Jahrhunderte älteren Brüder in Afghanistan. Zum Buddhismus bekehrte Chinesen haben im Jahr 713 mit dem Bau von Lingyun begonnen und in 90 Jahren ein wunderbar mit der Natur verwachsenes Riesendenkmal geschaffen: eingerahmt von subtropischem Immergrün, umspült vom breiten Lauf des Minjiang-Flusses und eingeschlossen in rote Felswände aus Sandstein. Der Berg hat ein kunstvolles menschliches Profil erhalten.

Damit lockt er jährlich rund zwei Millionen Touristen an - und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Menschenmassen umkrabbeln an 365 Tagen im Jahr den Steinriesen wie Ameisen eine tote Maus. Schon sind alle kleineren Buddha-Figuren, die einst die alte Tempelstätte schmückten, von Händen abgegriffen oder durch Verwitterung zerstört. Ein neu gebauter Tunnel, der den anstürmenden Massen leichteren Zugang zum Buddha verschafft, schwächt die einsturzbedrohten Seitenwände des Felsens. Und schon gibt es Pläne, noch einen zweiten Tunnel zu bauen. Abgase von der überlasteten Zugangsstraße umhüllen die Statue und beeinträchtigen den Moosbewuchs, der als wichtiger Schutzmantel des Buddhas gilt.

Zwar scheinen all die Belästigungen dem alten Kerl nichts auszumachen. Ungerührt wahrt er seinen weltfernen Blick. Doch Guo Zhan, Inspektor in der Nationalen Verwaltung für Kulturschätze in Peking, warnt: "Die Verbindung zwischen dem Buddha und der ihn stützenden Steinwand ist gefährdet. Im Gedränge werden die Besuchervorschriften nicht eingehalten. Wir müssen als Erstes die Besucherzahl reduzieren." Davon allerdings halten die lokalen Kulturfunktionäre gar nichts.

In einer Teehausrunde im Lingyun-Tempel sitzen neben Museumsdirektor Huang mehrere leitende Buddha-Beamte von Leshan. Alle dienen der Kommunistischen Partei, jeder ist Vorsitzender oder Vize eines Buddha-Verwaltungskomitees. Doch keiner ist Buddhist, keiner Denkmalschutzexperte. Am Ort fehlt jeglicher naturwissenschaftlicher Sachverstand. Huang übernahm seine Funktion schon vor 30 Jahren inmitten der Kulturrevolution - als Premierminister Tschou En-lai persönlich intervenierte, um die Roten Garden vom Sturm auf den Berg der Freude abzuhalten. Schon Jahre zuvor hatten die Kommunisten die buddhistischen Mönche, die über Jahrhunderte den Tempel pflegten, auf den Nachbarfelsen Woyou verbannt. Von dort verfolgen die Männer in ihren braunen Kutten besorgt das Touristenspektakel am anderen Ufer. "So wie er behandelt wird, hat der Große Buddha keine religiöse Bedeutung mehr", klagt ein Mönch.

Dem Denkmal droht nach dem politischen nun der kommerzielle Sturm. "Wir lieben den Buddha, weil er Geld bringt", gesteht Museumsleiter Huang entwaffnend ehrlich. Also soll eine neue Zufahrtsstraße noch mehr Besucher zulassen. Statt des zweiten Tunnels überlegt man auch, eine Touristenbrücke vor den Füßen des Buddhas zu errichten. Neue Parkplätze sollen entstehen - dafür gibt es schließlich einen Weltbankkredit. Vier Millionen Mark hat die internationale Entwicklungsbank für die "urbane Entwicklung in der Umgebung des großen Buddhas" zugesagt.