Ein Mann dreht durch: Hingekauert in eine Ecke, schöpft er weißen Leim in eine Plastiktüte, vergräbt sein Gesicht darin, sabbert, wimmert, lacht. Wirre Statements zu Kunst und Leben wechseln mit irren Melodien, moduliert von den Herztönen wachsender Ekstase. Dann, als Lohn der Selbsterniedrigung, die Landung im Nirvana: Die Augen weiten sich, das Gesicht erstarrt im Grinsen des Rauschs.

Drei Jahre später, derselbe Mann, am anderen Ort, ein Trainingssaal in Sofia. Gewichte, Maschinen, Spiegel. Ächzend stemmt der Mann Eisenstangen, zieht sich hoch am Barren, trainiert seinen Bizeps. Aus dem ausgemergelten Bündel Mensch ist ein Muskelkoloss geworden. Ich ist ein anderer: Der Künstler Rassim Krastew, ein bulgarischer Michelangelo, erschafft sich selbst als David, der sein eigenes Fleisch modelliert.

Wieder drei Jahre später, Frühjahr 2001, Rassim Krastew in seinem Atelier, einer Einzimmerwohnung im Zentrum von Sofia, in der er seit acht Jahren lebt. Ein normaler junger Mann, offen, fröhlich. "Ein Künstler ist nur dann ehrlich, wenn er über sich selbst spricht. Meine Lebensweise ist ein Ideenquell für mich", sagt er. Ein Leben als totales Kunstprojekt. Doch mit seinem Exhibitionismus stellt er nicht nur sich selbst, sondern seine Zeit bloß. Mit Drugs, der Videoinstallation von 1995, warf Krastew, damals noch Student an der Kunstakademie in Sofia, den Blick zurück auf seine Militärzeit Ende der achtziger Jahre. Bulgarien damals: Ein Volk von Kleinbürgern und Bauern, zusammengeschweißt im Riesenverein der Opportunisten unter Todor Shiwkow, dem obersten Vasallen von Moskaus Gnaden. Für Rassim, der damals seinen Militärdienst leistete, war es ein Alltag im Marschrhythmus, dem er ins Leimschnüffeln entfloh - wie heutzutage die zerlumpten Zigeunerkinder am Bahnhof von Sofia, die auf Steinquadern über den Warmwasserthermen kauern und ihre uralten Gesichter in Zellophansäckchen mit Klebstoff vergraben.

Ein Land als Labor, in dem der Ideenabfall des Westens recycelt wird

"Ich schlüpfe in extreme Situationen", sagt Rassim, "so wie das Leben mich in extreme Situationen schlüpfen lässt." Corrections, die Bodybuilding-Aktion, zunächst eine sportliche Selbstvervollkommnungsübung und ironischer Reflex auf bulgarisches Machotum, wurde unter dem Diktat des französischen Ausstellungsmachers Ami Barak pervertiert. Er versprach dem damals 24-jährigen Kunststudenten Krastew eine Ausstellung in den Citroën-Hallen in Montpellier. Rassim mietete einen Trainingssaal, besorgte sich einen Coach, plante Poster, Kataloge, Videos. Und vergiftete sich mit teuren Anabolika, die extra für ihn ins Land geschafft wurden. Dann zog sich der Franzose aus dem Projekt zurück. Die weißen Plastikdosen mit den proteinreichen Schoko-, Vanille- und Erdbeerdrinks, Verfallsdatum 1997, verstauben jetzt in einer Ecke des Ateliers.

So wie Rassim sich mit Corrections abmühte, die Kunstwelt zu erobern, brachte sich gleichzeitig das postkommunistische Bulgarien, mit Milliarden-Dollar-Krediten aufgepumpt, auf Westkurs. Doch ruiniert durch seine zu Neokapitalisten gewandelten altkommunistischen Kader, die Milliarden von Staatsgeldern in ihr privates Eigentum überführten, schlingerte Bulgarien Ende 1996 ins Chaos: Hyperinflation, Korruption, totale Kriminalisierung, Angst und Hunger breiteten sich aus. Im Januar 1997 erklärte der sozialistische Premier Widenow den Bankrott des ganzen Landes. Seitdem wird der Staatshaushalt vom einem Währungsrat kontrolliert. Er hat das Land auf einen rigiden Sparkurs gesetzt; oberste Priorität haben Rückzahlung westlicher Kredite, Einsparungen in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Bildung und Kultur. Eine Politik, die die Bevölkerung in die Armut treibt; die Hälfte der Bulgaren überlebt derzeit nur dank der Naturalwirtschaft.

Rassim und seinen Landsleuten bleibt nur die Sehnsucht nach einer westlichen Hochglanzwelt, die sie via Satellitenfernsehen und Reklame erleben. Wenn die Lifestyle-Produkte tatsächlich in Bulgarien ankommen, sind sie längst veraltet - ein Land als Ramschladen. In einem ironischen Selbstporträt des Künstlers als junger Mann präsentiert sich Rassim in einer Dia-Serie mit Handy. Oder posiert in schwarzer Lederhose, mit nacktem Oberkörper und lackierten Nägeln auf einer Modenschau, fährt, von Mannequins umringt, im offenen BMW zu einer Ausstellungseröffnung. Auf einem Plakat projiziert er sich als bulgarischer Heroe in die Welt der Hollywoodstars, wobei er Arnold Schwarzenegger, Tom Cruise und Sylvester Stallone allein schon durch seine Körpergröße überragt. Zuletzt verwandelt er sich selbst in ein Produkt, aus seinem Namen macht er ein Logo: Rassim®.