Blüten, die mir ähnlich sind, will ich nicht züchten", sagt Arno Fischer. Jeder müsse seine eigene Handschrift finden. Seine hat der Fotograf schon lange gefunden: Schwarzweißreportagen aus dem Berlin der fünfziger und sechziger Jahre machten ihn bekannt. Seitdem hat er sich einen Ruf als herausragender Fotograf und Lehrer erworben. Heute ist Fischer 74, wird gern als "der große alte Mann der DDR-Fotografie" bezeichnet und will sich noch lange nicht zur Ruhe setzen.

Gerade hat er eine Fotoschule in Berlin gegründet, zusammen mit dem 39-jährigen Fotografen Jörn Vanhöfen von der Fotoagentur Ostkreuz und sechs weiteren Bildbesessenen. Anfang April startet das Unternehmen Fotografie am Schiffbauerdamm. Schule und Galerie. Die Nachfrage ist groß: Kaum lag das Faltblatt anlässlich einer Ausstellung aus, standen die Interessenten Schlange.

Aufgeteilt in zwei Klassen, sollen 44 Auserwählte innerhalb eines Jahres "sehen lernen". Jörn Vanhöfen unterrichtet die Grundklasse. Er bringt seinen Schülern die Porträtfotografie näher, schärft ihren Blick für Landschaft und Stadtlandschaft und führt sie an die Reportage und den fotografischen Essay heran. Für Vanhöfen ist Fotografie Erleben. "Biografisches mischt sich in die Bilder", sagt er. Seine Praxiserfahrung als Fotograf möchte er als Lehrer an die Studenten weitergeben.

"Fotografen sind wie Schmetterlinge"

Um die Fachklasse kümmert sich Arno Fischer. Fotografischer Aktionismus, gestellte Szenen sind ihm ein Gräuel. Mit "Bildererfindern" will er nichts zu tun haben. Seine Studenten sollen zu den "Findern" gehören. Das "Sehen und Finden" ist es, was für Fischer den Fotografen ausmacht. Wer seine früheren Bilder betrachtet, sieht spontan erzählte Alltagsgeschichten. Arno Fischer ist dabei den Menschen nahe gekommen, ohne ihnen auf die Pelle zu rücken. Ursprünglich wollte Fischer Bildhauer werden, er studierte vier Jahre an der Kunsthochschule Weißensee. Aber das Formen mit der Hand war ihm nicht schnell genug. Kreative Ungeduld ließ ihn zur Kamera greifen. Inzwischen umfasst sein Lebenswerk fünf Jahrzehnte. Im vergangenen Jahr hat ihn die Deutsche Gesellschaft für Photographie mit dem Erich-Salomon-Preis ausgezeichnet.

Die Schulgründer wollen vor allem inhaltliche Arbeit leisten, die Zusammenhänge zwischen Fotografie und Zeit deutlich machen und die Väter und Großväter der Fotografie ins Spiel bringen. "Es gibt immer ein Vorher", sagt Jörn Vanhöfen. In der Schule soll eine Haltung zur Fotografie entwickelt werden. Es geht um angewandte Fotografie, die Geschichten erzählt. Technik spielt dabei kaum eine Rolle. Arno Fischer sagt: "Ich habe mein technisches Wissen nur erweitert, wenn mich mein Nichtwissen einengte."

Seinen Schülern steht Fischer jederzeit zur Verfügung. "Mich kann man immer anrufen." Unter den 22 Studenten sind gestandene Bildreporter genauso wie junge Talente Anfang 20. Wie früher schon üblich werden sie sich am Schiffbauerdamm treffen und von Fischer lernen. In dieser Wohnung saß vor langer Zeit auch schon Henri-Cartier Bresson in zerschlissener Lederjacke auf dem Sofa und lieferte eine eigenwillige Definition für seinen Beruf: "Fotografen sind wie Schmetterlinge. Sie flattern von Bild zu Bild, aber sie arbeiten nicht."