Wolfgang Frühwald, 65, hat seit 1974 den Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte in München inne. Weltweite Anerkennung erwarb er sich mit Forschungen zum deutschsprachigen Exil, zu Adalbert Stifter und Clemens Brentano. Ansehen genießt er auch als Wissenschaftsmanager. Er engagiert sich für die Qualitätssicherung und die internationale Ausrichtung von Bildung und Forschung in Deutschland - von 1992 bis 1997 an der Spitze der Deutschen Forschungsgemeinschaft, seit 1999 als Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung

Mit den Bombenangriffen 1944 auf Augsburg änderte sich mein Schülerleben. Die meisten Mitschüler mussten per Kinderlandverschickung raus aus der Stadt. Meine Eltern erreichten irgendwie, dass mein Bruder und ich in Augsburg bleiben und privat von pensionierten Lehrern unterrichtet werden konnten. Unser "Klassenzimmer" befand sich nun in einer Wohnung, 15 Minuten vom Elternhaus entfernt.

Wir waren zehn Schüler, ich war neun Jahre alt und im vierten Schuljahr. Ich genoss die private Atmosphäre und begeisterte mich für Religion, ein Fach, das ich zuvor an der staatlichen Grundschule nicht hatte. Im Unterricht sprachen wir oft über Leben und Tod. Dabei wurde uns klar, dass unser Lehrer, ein Dominikanerpater in Habit, durch das Naziregime gefährdet war; meine Eltern besorgten ihm vorsorglich einen Anzug - für den Fall, dass er untertauchen müsste.

Nach Kriegsende ging ich auf Wunsch meiner Eltern ein fünftes Jahr zur Grundschule und danach auf das humanistische Gymnasium bei St. Anna. Brennmaterial zum Heizen war knapp, und wir saßen in Mänteln im Unterricht, bekamen Frostbeulen und hatten die Krätze. Unsere Lehrer waren "nachweislich antinationalsozialistisch" und gleichzeitig gute Pädagogen. Sie wurden aus dem Ruhestand geholt und ließen sich von uns mit Fragen nach Kriegsgeschichten vom Unterricht ablenken. Unseren Hebräischlehrer, einen evangelischen Pastor, der bei der Artillerie gewesen war, fragten wir nach der Berechnung einer Geschossbahn, wenn uns nicht nach Vokabellernen war.

Mit der Rückkehr jüngerer Lehrer aus der Kriegsgefangenschaft änderte sich der ganze Unterrichtsstil. Unser Deutschlehrer ließ uns Johann Peter Hebels Märchen Kannitverstan spielen und damit Literatur unmittelbar nachempfinden. Ich hatte eine stumme Rolle, die mir gut gefiel: Ich ging hinter Kannitverstans Leichenzug und zählte an den Fingern seine Verdienste und Verluste ab.

Derartiger Unterricht weckte in mir den Wunsch, Lehrer zu werden. Eisenbahner wie mein Vater, Großvater und Urgroßvater wollte ich nie werden, vermutlich wegen meiner Mutter. Als Elektroingenieur bei der Reichsbahndirektion in Augsburg musste mein Vater auch die Seile der österreichischen Kabinenbahnen kontrollieren und dazu auf deren Dach den Berg hochfahren. Ich weiß noch gut, dass meine Mutter vor Angst alle verrückt gemacht hat, wenn der Vater etwas später nach Hause kam.

Nach dem Abitur 1954 schrieb ich mich in München für Geografie, Geschichte und Germanistik ein und wusste genau, was ich wollte: am Gymnasium in Donauwörth Geografie unterrichten. Meine Freundin (später meine Frau) kam von dort und schwärmte von dieser Schule. Friedrich Hölderlins späte Hymnen ließen jedoch die Germanistik zu meinem Lieblingsfach werden. Mein Lehrer Hermann Kunisch war mit dem Religionsphilosophen Romano Guardini befreundet, kannte Freunde von Willi Graf und den Geschwistern Scholl. So erfuhr ich aus erster Hand früh viel über Widerstand und Exil. Nach dem Examen 1958 hatte ich bereits eine Lehrerstelle in Aussicht, als Kunisch mir anbot, sein Assistent zu werden. Das Angebot hätte ich schon aus finanziellen Gründen nicht ablehnen können: An der Universität verdiente ich 400 Mark mehr - viel Geld, vergleicht man das mit unserer damaligen Monatsmiete von 90 Mark.