Schließlich erreichten die Castoren das Zwischenlager. Dieser Satz lässt sich früh in der Nacht zum Mittwoch getrost hinschreiben, auch wenn der Zug zu dem Zeitpunkt noch feststeckt. Denn die Castoren erreichen am Ende immer ihr Ziel. Das gehört zu den unabänderlichen Regeln des Geländespiels namens Tag X, das Bewohner des niedersächsischen Landkreises Lüchow-Dannenberg, an die 15 000 Polizisten und einige tausend Demonstranten von außerhalb dieser Tage wieder mit großem Ernst betreiben. Und dazu gehören Sitzblockaden und Knüppeleinsatz, Demonstrationsverbote und verbotene Demonstrationen, zersägte Schienen, unterhöhlte Straßen, zerstörte Polizeifahrzeuge und blutverschmierte Gesichter, Szenen der Castor-Rituale.

Montagnachmittag. Noch sind es über 24 Stunden bis zum Castor. Auf einem Waldweg im Wendland, nahe einem winzigen Ort namens Tollendorf, steht ein Häufchen von Demonstranten, überwiegend junge Frauen. Sie sind praktisch eingeschlossen, umstellt von einer halben Hundertschaft behelmter Polizisten. Der Rest der Einheit, sie kommt aus Hamburg, hält sich einige hundert Meter entfernt in Bereitschaft, unterstützt von an die zwanzig großen Mannschaftswagen aus Berlin, sie verstopfen die gesamte Dorfstraße. Oben kreist von Zeit zu Zeit ein Polizeihubschrauber. Insgesamt mögen an die 400 Polizisten hier im Einsatz sein.

Doch auch das Häuflein der Demonstranten bleibt nicht lange ohne Unterstützung. Es eilen heran: eine mobile Suppenküche zur Verpflegung der Eingekesselten. Zehn Traktoren der Atomkraftgegner von der Bäuerlichen Notgemeinschaft, die den Waldweg versperren, um weitere Einsatzfahrzeuge der Polizei am Vordringen zu hindern. Nicht weniger als vier Beobachter vom Komitee für Grundrechte und Demokratie. Außerdem im Einsatz: ein rot uniformierter Konfliktmanager der Polizei und drei Reporter. Anlass des Ganzen: Demonstranten, nicht aber die Eingeschlossenen, wie die Grundrechtsbeobachter glaubhaft versichern, hatten Äste auf den Weg geworfen und rechtzeitig das Weite gesucht, woraufhin die Ordnungshüter, offenbar zeitweise ohne Überblick, andere Demonstranten festgesetzt hatten.

Wer sich erinnert, wie gleichmütig die Republik vor einigen Monaten die Blockade von Straßen und Autobahnen durch Fuhrunternehmer duldete, die keine Lust hatten, ihre Steuern zu bezahlen, der staunt, mit welchem Aufwand die Bundesrepublik Deutschland an diesem Montag im Wald bei Tollendorf ihre innere Sicherheit schützt. Zugleich zeigt die Szene, warum der Protest gegen den Castor sein wichtigstes Ziel, den Atomtransport möglichst teuer zu machen, kaum verfehlen kann: Wenige Demonstranten können ohne weiteres viele Polizisten beschäftigen - sie müssen dazu nicht einmal Straftaten begehen.

Eine kleine Minderheit hält eine gewaltige Übermacht in Atem: Man kann die kleine Szene durchaus Pars pro Toto für den Castor-Konflikt nehmen. Nie waren die Fronten im Kampf um den Atommüll und dessen Lagerung so klar wie diesmal, denn seit Kraftwerksbetreiber und ihre rot-grünen Widersacher sich geeinigt ("Konsens") haben, stehen die Lüchow-Dannenberger ohne Verbündete da. Das Wendland gegen Deutschland und umgekehrt. Deutschland muss seinen Atommüll aus La Hague zurücknehmen, um weitere Transporte dorthin schicken zu können, das Wendland will ihn nicht haben. Punkt.

Es wäre zu einfach zu sagen, hier setze eine Übermacht ihre Interessen mit Polizeigewalt durch. Der Atommüll muss ja irgendwohin. Und hat nicht der Landkreis Lüchow-Dannenberg in einem Vertrag mit den Betreibern des Zwischenlagers in Gorleben "die Notwendigkeit dieser Anlage im Interesse einer geregelten Energieversorgung" anerkannt? Gewiss, das war vor mehr als zwanzig Jahren und unter einer längst verflossenen Mehrheit der CDU. Aber ließ der Landkreis sich dieses Entgegenkommen nicht bis 1994 mit immerhin zwölf Millionen Mark im Jahr entgelten?

Energiepolitik ist auf langfristige Vereinbarungen angewiesen, und Landrat Zühlke von der (SPD), atomkritisch wie heute die große Mehrheit der Lüchow-Dannenberger, vermag auf Anhieb keinen Grund zu nennen, warum der alte Vertrag nicht mehr gelten sollte. Doch andererseits muss man kein Atomkraftgegner sein, um zu bezweifeln, dass der strahlende Müll im Wendland gut untergebracht ist. Die Castoren stehen in einer schlichten Lagerhalle auf einem Gelände, auf das man mit ein wenig Geschick mühelos vordringen kann. Ein paar Greenpeace-Aktivisten haben das trotz aller Bewachung dieser Tage wieder demonstriert. Und der Salzstock, in dem der Atommüll nach einem Beschluss der niedersächsischen Landesregierung aus dem Jahre 1977 schließlich enden soll, war unter Experten nicht einmal in die engere Wahl gekommen, wie ein Insider Jahre später enthüllt hat. Für die Entscheidung der CDU-Regierung gab es allein politische, aber keine sachlichen Gründe. Jürgen Trittin, was immer man ihm sonst vorwerfen kann, hat in diesem Punkt Recht.