Chancengleichheit hieß das alte Zauberwort, das möglichst vielen, besonders den "bildungsfernen Schichten" die Türen der Universitäten öffnen sollte. Die Formel war tatsächlich wirksam. Die Zahlen der Gymnasiasten, der Abiturienten und Studenten stiegen kontinuierlich an; bis heute expandiert das Bildungssystem. Und trotzdem hat sich qualitativ nicht viel geändert, die Chancen wurden nicht besser verteilt. Der Bildungsstrom führt zwar Hochwasser - aber er fließt noch immer im selben Bett.

Seit Jahrzehnten verfolgt das Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover die soziale Herkunft deutscher Studienanfänger, mit immer dem gleichen Ergebnis: "Im Wettbewerb um höhere Ausbildung besitzen nach wie vor Kinder aus Elternhäusern Vorteile, in denen ein hohes kulturelles, soziales und ökonomisches Potenzial gebündelt ist." Studienanfänger aus Arbeiterfamilien sind unterrepräsentiert, die meisten Studenten stammen aus Beamten- und Angestelltenfamilien.

Konkret zeigt die jüngste HIS-Umfrage, dass der Akademikeranteil bei den Vätern von Studienanfängern fünfmal so hoch liegt wie in der Bevölkerung. Und der Trend geht sogar nach oben; zwischen 1993 und 1999 hat der Anteil der akademisch gebildeten Eltern von Studenten um neun Prozent zugenommen. Zum ersten Mal hat das HIS in dieser Untersuchung auch die neuen Länder mit einbezogen - und siehe da: Hier ist die Tendenz gar noch viel deutlicher als in den alten Bundesländern.

Trotz enorm erweiterter Bildungschancen greift also nach wie vor das traditionelle Muster der familiären Herkunft. An den herkömmlichen Auswahlmechanismen ändert sich nichts. Gerne wüsste man von den Gesellschaftswissenschaften, warum das so ist, warum soziale Herkunft und Bildung so fest gekoppelt sind und was sich dagegen tun ließe. Denn Chancengleichheit ist ja nicht nur eine demokratische Wunschvorstellung, sondern wachsende Notwendigkeit: Unsere Gesellschaft ist darauf angewiesen, die geistigen Kapazitäten verstärkt auch außerhalb akademischer Zirkel zu mobilisieren.

Da dies jedoch partout nicht gelingt, gilt es, vor allem die folgende Frage zu klären: Warum sollen jene, die ohnehin vom teuren Bildungssystem profitieren, dies auch noch umsonst tun dürfen? Eine vernünftige Beteiligung der Studenten und ihrer überwiegend akademisch gebildeten Eltern an der Studienfinanzierung ist überfällig.