Es ist eine Krankheit. "Jetzt schnell ein paar Takte Musik ...!" Was bei Nachrichten, Talkshows oder Features als klingendes Ausrufezeichen oder geistige Pufferzone längst schlechter Brauch ist, verbreitet sich bei Hörkassetten mit Lyrik wie ein Virus. Wem nichts fürs Dazwischen einfällt, der vergreift sich an Musik. Musik als Rülpser, als Schmier- und Gleitmittel, als Zeitgeist-Button - hier scratcht der DJ! Wie schön also, wenn Musik als durchdacht erscheint, als Spiegel oder Gegenspieler der Gedichte, als parallel laufende Stimmung oder widerspenstige Begleitung.

Mit dem Geräusch von Wellen, dem schlendernden Singen eines Tenors und den verschleppten Rhythmen von Drum 'n' Bass beginnt's, zwei Minuten lang, bis eine Mädchenstimme einsetzt: "Niemand berichtet vom Anfang der Reise, vom frühen Horror, / Betäubt in den Wassern zu schaukeln, vom Druck / In der Kapsel, vom Augenblick, der sie sprengt." Gedichte von Durs Grünbein, gelesen zur Musik und den Klängen von Ulrike Haage, und gleich mit den ersten Sätzen erledigt die Stimme von Meret Becker jeden Kunstgalerieverdacht: Neugierig und aufmüpfig gibt sie den Texten den Tonfall vom Tisch nebenan.

Reise, Toter! verbindet Gedichte aus verschiedenen Bänden, hauptsächlich sind sie Den Teuren Toten entnommen, jener Sammlung von 33 Epitaphen, die Durs Grünbein 1994 bei Suhrkamp veröffentlichte. Doch zugleich entsteht durch die Neuordnung der Gedichte ein Kreislauf, der mit Introitus, jener Alien-fernen Beschreibung der Menschwerdung, beginnt, über Ein sarkastisches Kind und Unterwegssein und erster Schlaf zu den vielfältigen abstrusen Todesfällen führt, um endlich mit dem Extroitus zu schließen: "Der erste Blick und der letzte / Kreuzen einander, in einer Drehung, / Verwundert über die kurze Distanz / Die Sekunde Leben." Ein einsichtiges Arrangement bei einem Dichter, der aus dem "Pompeji" Dresden kam, dessen erste Gedichtbände Grauzone morgens (1988) und Schädelbasislektion (1991) heißen, der das Leben als "Nullsummenspiel" sieht, dem der Tod das Thema zum Tage bleibt.

Ulrike Haage, Klangsucherin und Komponistin in Berlin, manchen erinnerlich aus Rainbirds-Zeiten, hat die zwischen Erregung und Kälte schwebenden großen Gedichte Grünbeins mit Satiescher Beiläufigkeit und Wärme aufgeladen. Beinahe haben sie dadurch Erzähltemperatur erreicht. Wenn sich der schwer atmende Ehemann, leicht schmatzend, an die wimmelnden kleinen weißen Würmer auf dem Fernsehbildschirm nach Sendeschluss erinnert und beinahe Beckett-monologisch zu seiner Frau überleitet, die - "in solchen Dingen / Hatte sie schon immer ein goldnes Händchen" - sich erfolgreich den Föhn in die Badewanne rüberzog, dann wird der Text zum Hörspiel, zum kleinen bitteren Meisterstück. Meret Becker wechselt mit Hanns Zischler wechselt mit Judith Engel wechselt mit Frank Glaubrecht, sie übergeben Sätze wie Staffelstäbe, doppeln Verse, die sich im Echo leitmotivisch wiederholen, der Stimmkünstler Phil Minton hechelt und stolpert dazu. Doch sind es weniger die Memento mori in ihrer geisterhaften Leichtigkeit, die im Ohr bleiben, sondern jene sich langsam entfaltenden Zustandsbeschreibungen des Erschreckens: wie das Mädchen am Unfallort magisch vom Bündel unter den Wolldecken angezogen wird, jener bewusstlose Gang in der Stille des Morgens oder das kindliche Einschlafen in der Sicherheit des Autoinneren - "müde gerüttelt" - Menschen als Passagiere, die irgendwann in die kalte Welt fallen. Wer Scheu vor dem Lesen von Lyrik hat, sollte diesen Hörversuch wagen.

Anmerkung: Großflächig wird gegenwärtig für ein Lyrikprojekt geworben, das Gedichte von Rainer Maria Rilke mit Kuschel-Muzak und prominenten Stimmen aufbläst. Das Typecasting für die Gemeinschafts-CD Best Of Rainer Maria erfüllten: Rudolph Moshammer, Peter Maffay, Xavier Naidoo, Nina Hagen, Hannelore Elsner, Otto Sander (!), Mario Adorf, Ben Becker. O-Ton Rilke: "O Herr, gib jedem seinen eigenen Tod."


Durs Grünbein/Ulrike Haage:Reise, Toter Sans Soleil; Bonn; 1 CD, 50 Min., 35,- DM (Vertrieb: NRW, Essen, Fax: 0201/371 90 48)

Rilke Projekt:Bis an alle Sterne BMG Ariola Classics 78280; 1 CD, 60 Min., 39,95 DM