Es ist alles ein wenig anders. Ein wenig sehr anders sogar. Vornehmlich Journalisten, deren Stilkünste wahrlich - nun, sagen wir gnädig - wacklig sind, zeihen den Autor des Stellvertreters gerne der kunstlosen Schriftstellerei. Nicht einmal das stimmt. Sehr zu Recht hat Karl Krolow die Arbeit des Lyrikers Rolf Hochhuth gepriesen, seinen Gedichten die instrumentelle Genauigkeit des Stiletts attestiert; und deren "Geständnis"-Charakter hervorgehoben.

Geständnis also. Viele Begriffe kann man alternativ einsetzen, will man Hochhuths spezifischen Furor kennzeichnen: Protest, Widerspruch, Attacke, Unerschrockenheit. Geständnis indes passt gut zu einem, der immer auch "gesteht". Hochhuth ist kein hassender Ankläger, vielmehr einer, der immer zugleich "Ich auch" sagt. Dies ist die innerste Wurzel von allem, was Hochhuth schreibt, das ihm Weltruhm wie nationalen Neid einbrachte, doch auch die Hochachtung von Kollegen - etwa von Siegfried Lenz: "Ich weiß keinen anderen schreibenden Kollegen, der durch seine Arbeit so viel bewegt und im Bewußtsein so viel verändert hat wie Rolf Hochhuth." Jene innere Wurzel ist ein kompliziertes Geflecht. Hochhuth glaubt an den Menschen, dem er zutiefst misstraut. Er will in Geschichte eingreifen, die er zugleich als Unheil, unabänderlich, begreift. "Das Meer pflügen" nennt er das, sich auf Simón Bolívar beziehend, den Befreier Lateinamerikas.

Man kann es auch Träumen nennen, von dem Mediziner sagen, wer nicht träume, werde geisteskrank, oder das Hochhuths großes Vorbild Karl Jaspers als Lebensmittel reklamierte: "Wer nicht täglich eine Weile träumt, dem verdunkelt sich der Stern, von dem alle Arbeit und jeder Alltag geführt sein kann." Das ist der Kern von Hochhuths Ästhetik. Mit der ihm eigenen Dickköpfigkeit hält er an einem Konzept des Realismus fest, das Psychologie nicht außer Acht lässt, sie aber aus der Wirklichkeit ableitet.

Der Mann, ein Essayist von Graden, ist starrköpfig, gewiss; er verrennt sich ganz gern auch - so, wenn er meint, ein Theater zu kaufen, aber nur in einer Immobilie herumstolpert. Gerannt ist er immer, wohl gelegentlich recht atemlos; doch zumeist in die richtige Richtung. Hannah Arendt schrieb in ihrem Nekrolog auf Papst Johannes XXIII., der 1963 gefragt worden war, was gegen den Stellvertreter zu tun sei. Er habe geantwortet: "Nichts. Gegen die Wahrheit kann man nichts tun."