Nehmen Sie einmal an, Sie hätten von Mazedonien nie gehört. Natürlich ist das schwer, weil Sie Abend für Abend im Fernsehen Karten gesehen haben, Bilder von rollenden Panzern und schießenden Soldaten, weil Sie Feuerblitze gesehen haben und ganz sicher viele hochrangige Politiker, die aus Flugzeugen steigen, Hände schütteln, in Mikrofone sprechen und wieder in ihr Flugzeug einsteigen; es ist schwer, sich Mazedonien nicht vorzustellen, weil alles vom Kampf und Krieg und Flächenbrand spricht. Aber vergessen Sie einmal alles, was Sie über Mazedonien gehört und gesehen haben, nur für ein paar Minuten.

Und jetzt die folgende Geschichte. Ibrahim sitzt in einem Café ohne Namen. Er schaut den Berg hinauf. Es ist der Tag vor der Offensive der mazedonischen Armee, die einen Feuersturm über den Berg bringen wird. Es ist noch ruhig, frühlingsstill. Siehst du da oben, sagt Zender, ein anderer Gast, die Mauer gleich neben dem Haus?! Da oben hat die Polizei gestern zwei Esel erschossen, einfach so. Mehr sagt Zender nicht. Eine halbe Stunde später kommt Billy in das Café, setzt sich und schaut ebenso aufmerksam wie Zender vorher auf den Berg. Billy sagt: Siehst du da oben, dort vor dem Haus?! Da oben hat die Polizei gestern zwei braune Pferde erschossen, einfach so. Mehr sagt Billy nicht, er seufzt nur ein wenig. Kurz darauf kommt Fatmir in das Café, setzt sich und schaut mit ebensolchem aufmerksamen Blick wie vorher Zender und Billy auf den Berg. Siehst du, sagt Fatmir, dort oben vor dem Haus. Da hat die Polizei gestern zwei Pferde erschossen. Zwei weiße Pferde! Fatmir schüttelt heftig den Kopf. Und dann sagt er noch einmal: Stell dir vor, weiße Pferde!

Mazedonien ist also ein Land, in dem innerhalb kurzer Zeit aus einem Esel ein braunes Pferd und aus dem braunen ein weißes Pferd wird. Eine balkanische Metamorphose, die sich nicht auf Tiere beschränkt. Am Freitag vor einer Woche starben Vater und Sohn Karaqi aus dem Dorf Poroj auf einer Straßenkreuzung in Tetovo. Die Polizei schoss mit ihren Maschinengewehren auf die beiden Männer, bis sie sich nicht mehr rührten. Die Szene hatten Fernsehteams aufgenommen. Man sieht, wie ein Polizist auf den jungen Karaqi einprügelt und dann wegläuft. Karaqi hält etwas in der Hand, das er auf Polizisten wirft, die sich hinter Sandsäcken verbergen. Die Mazedonier sagen, das sei eine Handgranate gewesen, und darum sei der Terrorist Karaqi zu Recht gestorben. Notwehr, mehr nicht. Ibrahim, Billy und Fatmir sagen wiederum, das sei nichts als Lüge, denn der junge Karaqi habe nicht eine Handgranate, sondern ein Mobiltelefon in der Hand gehabt. Ich habe es genau gesehen, sagt Fatmir, es war ein Mobiltelefon Marke Ericsson, Modell 388. - Was auch immer die Wahrheit ist: Aus einer Handgranate wurde ein Ericsson 388 oder umgekehrt aus einem Ericsson 388 eine Handgranate.

Im Museum für moderne Kunst der Hauptstadt Skopje hängt im ersten Schauraum ein Ölbild. Es stellt ein Massaker dar. Türkische Soldaten schneiden Mazedoniern mit dem Krummmesser die Kehle durch, vergewaltigen Frauen, rauben Teppiche, Möbel und Schmuck. Der Titel des Bildes heißt: Die wahren Geschehnisse im Dorf Papradicte 1884. Offensichtlich waren auch andere Versionen über das Geschehen im Umlauf, sonst hätte der Maler die Wahrheit nicht so ostentativ behaupten müssen. Wahrscheinlich hatten Türken gesagt, dass sich in Papradicte im Jahr 1884 alles genau umgekehrt abgespielt habe, dass nämlich Türken ermordet, vergewaltigt und beraubt wurden. Vielleicht gibt es auch eine Geschichte, wonach es sich bei dem Dargestellten nicht um ein Massaker handelte, sondern um ein Fest, dass es also nicht den Hass zwischen den Völkern darstellt, sondern die Freundschaft. Wie auch immer: Die Verwandlungen haben kein Ende.

Der Fluss Vardar markiert einen Graben. Er teilt die Haupstadt Skopje in zwei Teile. Den Norden erreicht man über die Brücke, die hier alle nur die Alte Brücke nennen, weil ihr genaues Baujahr bis heute nicht bestimmt werden konnte. Hier befindet sich der Basar. Kopfsteinpflaster, enge Gassen, Geschäfte, es riecht nach Leder, Klebstoff und Orient. Der Basar überstand das verheerende Erdbeben im Jahr 1963, während auf der anderen Seite des Flusses, im Süden, die Gebäude nahezu völlig zerstört wurden und rund 3000 Menschen starben. Irgendwann früher lebten auf beiden Ufern der Stadt Albaner und slawische Mazedonier miteinander vermischt. Das einträchtige Irgendwann bleibt unbestimmt, weil sich seit fast zwei Jahrzehnten eine schleichende ethnische Teilung der Stadt vollzieht. Die slawischen Mazedonier übersiedelten in den moderneren, wohlhabenderen Teil der Stadt, die Albaner aus dem Süden in den Norden, in den alten, ärmeren Teil. Warum das so gekommen ist? Auch dazu gibt es eine Geschichte.

Im Jahr 1994 nahm sich die Polizei ein Herz und ging gegen Zigarettenverkäufer vor, die auf dem Markt hinter dem Basar ihrem illegalen Geschäft nachgingen. Es kam dabei zu Ausschreitungen. Ein Mann wurde getötet. Er war ein slawischer Mazedonier. Was genau geschehen war, ließ sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Nur die Folgen dieses Todes waren klar. Mazedonier zogen verstärkt über die Alte Brücke in den Süden der Stadt. Sie fühlten sich nicht mehr sicher. Natürlich bekamen auch die Albaner Angst und zogen in den Norden der Stadt. Zahlen? Statistiken? Das braucht man nicht, hat man nicht, jeder weiß, dass es so ist, so sein muss. Und man kann sich auch vorstellen, wie sich Albaner und Mazedonier ihre Geschichten zuflüsterten, während sie zum letzten Mal über die Alte Brücke gingen: "Die Albaner haben den Mann am Markt ermordet. Er war ein guter Mensch. Völlig unschuldig. Ermordet, nur weil er Mazedonier war." Und: "Der Mann wurde von der mazedonischen Polizei umgebracht, um die Schuld uns Albanern in die Schuhe zu schieben." Oder: "Die Zigarettenschmuggler sind an allem schuld. Das sind alles Albaner." Und: "Die Polizei ist an allem schuld. Das sind alles Mazedonier." So mag es sich abgespielt haben, vielleicht auch anders, jedenfalls leert sich heute die Alte Brücke bei Sonnenuntergang, und nachts liegt sie verlassen im Dunkel.

Natürlich steht hinter jeder Geschichte die Geschichte. 1981 kam es im Kosovo zu den ersten Unruhen. Übervater Tito war gerade gestorben, und die Albaner verlangten mehr Rechte. 1987 kam Slobodan Milocevic an die Macht und versprach seinen Kosovo-Serben, dass sie niemand mehr schlagen würde. Er hielt die Albaner unter der Knute, bis diese ihm dann 1999 von der Nato entrissen wurde. 1981, 1987, 1999 waren Jahre der Erschütterungen. Skopje nahm sie auf, wie ein Seismograf. Ein toter Mazedonier auf dem Markt war ein Signal, dass es auch hier so weit kommen würde wie dort im Kosovo. Die Menschen zogen ihre Konsequenzen. Sie begannen, sich ängstlich umzudrehen in ihrer eigenen Stadt.