Er stehe schon zu oft im Rampenlicht, lässt der Chef wissen. Also bittet er zum gemeinsamen Mittagessen mit drei weiteren Direktoren. Tony Hyman, Wieland Huttner, Marino Zerial sehen aus wie späte Studenten, tragen Jeanshemd, Rollkragenpullover, Turnschuhe und Wanderstiefel. Auch Geschäftsführer Kai Simons, der unter buschigen Augenbrauen in die Runde lächelt, wirkt jugendlich. Das freundliche Gesicht und das volle Haar jedenfalls verraten das Alter des Zellbiologen nicht.

Die Mannschaft steht dem neuen Max-Planck-Institut (MPI) für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden vor, einem Ort, an dem das postgenomische Zeitalter beginnen soll. In Zukunft werden hier bis zu 300 Spitzenwissenschaftler in 25 Arbeitsgruppen die Fragen studieren, die nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms anstehen: Auf welche Weise entstehen aus dem genetischen Bauplan Nerven, Nieren oder Beine? Wie teilen sich Zellen, wie bilden sie Gewebe, wie kommunizieren sie? Rätsel, die die Wissenschaft nicht mit massenhaftem Einsatz von Maschinen löst. Sie kann sie nur kooperativ und arbeitsteilig knacken.

"Die Komplexität der Aufgaben, die vor uns liegen, erfordert effiziente Forschungsstrukturen", sagt der gebürtige Finne Simons. Also flache Hierarchien statt Erbhöfe, flexibler Einsatz von teurem Equipment statt Verwaltung von Besitztümern. Ein durch und durch kollektives Unternehmen. Einsame Stars, wie der Genomentschlüssler Craig Venter, hätten ihre Mühe damit.

Doch wie lockt man exzellente Wissenschaftler in die Arbeits-WG nach Sachsen an die Elbe? "Der Ort ist wichtig", findet Simons, "in den USA zum Beispiel ist Dresden bekannt." Durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg, das Bauprojekt Frauenkirche und auch durch den Bestseller Slaughterhouse Five des amerikanischen Science-Fiction-Autors Kurt Vonnegut. Außerdem ist die Kulturszene lebendig, die Umgebung mit der Sächsischen Schweiz attraktiv, und die Mieten sind günstig. Im Verbund mit der Wirtschaft versprach Ministerpräsident Kurt Biedenkopf eine Investition für die "Biopolis Dresden" in Höhe von 200 Millionen Mark. Bis 2002 wird es ein Bioinnovationshaus geben, bis 2004 ein großes privates Bioinformatikzentrum. Vielfältige Kooperationen mit der Technischen Universität sind verabredet, inklusive eines Austauschprogramms für Doktoranden der Werkstoffkunde, Physik und Chemie.

Das MPI-Gebäude ist ein weiterer Köder. "Die Leute", sagt Simons und umfasst mit großer Geste den futuristischen Bau, "sollen ausrufen: Das ist ja fantastisch!" Zudem fördere ein Haus mit "ästhetischer Klasse" die Kreativität und damit originelle Ideen. Der Plan scheint aufzugehen. Amerikaner, Italiener, Spanier und Franzosen kamen gern. Viele von ihnen arbeiteten schon im European Molecular Biology Laboratory (Embl) in Heidelberg zusammen. Aber auch Russen sind vertreten, denn die Dresdner suchen die Kooperationen besonders mit dem ehemaligen Ostblock. Nur manche westdeutsche Wissenschaftler zierten sich. Sie scheuen noch immer den Umzug ins neue Land.

Doch Bau und Kunst sollen nicht nur nach innen wirken, sondern auch nach außen. Ohne gesellschaftliche Akzeptanz, weiß Simons, läuft in der Biotechnologie nichts. In der Schweiz habe man dies bei einer Genschutzinitiative sehr deutlich zu spüren bekommen, sagt der neue Max-Planck-Direktor. Besonders Frauen und Künstler hätten Vorbehalte gegen Gentechnik gezeigt. "Wir scheinen diesen Menschen, die für unsere Zukunft so wichtig sind, nicht vermitteln zu können, was wir tun", sagt Simons.

Und so ist der postmoderne Quader ein Mittler zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Hinter einer durchbrochenen, grünblauen Kassettenverkleidung mit Sichtschlitzen liegen die Labore, und im vier Stockwerke hohen Foyer schraubt sich wie ein illuminierter DNA-Strang eine Wendeltreppe in die Höhe. Die Halle verströmt kühle, technische Eleganz, an den Seitenwänden hängen meterhohe vergrößerte und in horizontale Streifen zerschnittene Fotos von Flechten. Der prämierte Berner "Vernetzungskünstler" George Steinmann schuf das Werk. Die subtile Botschaft: Flechten bestehen aus Pilzen und Algen - ein Paradebeispiel für Symbiose. Die tiefgründige Symbolik erreicht nicht jeden. Einer der Direktoren nörgelt: "Wir forschen aber gar nicht über Flechten."