Seit Gregor Gysi vor knapp einem Jahr ankündigte, sich aus der ersten Reihe der PDS zurückzuziehen, ist er beliebter als je zuvor. "Es war für mich beeindruckend, zu erleben", amüsiert er sich, "wie Journalisten fast trauerten." Plötzlich habe sich der Herausgeber einer Wochenzeitung um seine Zukunft gesorgt; TV-Firmen meinten, in ihm ein Moderatorentalent entdecken zu können. "Es gab Zeiten, in denen sich Buchhandlungen geweigert hatten, meine Bücher auch nur zum Verkauf anzubieten." Jetzt aber habe sich sofort ein Verlag für sein Buch gefunden. Und so verfasste Gysi eine Bilanz der vergangenen elf Jahre.

Etwas langatmig breitet er noch einmal die Gründe für seinen Rückzug aus, verteidigt sich gegen Stasi-Vorwürfe, rechtfertigt seine Reise zu Slobodan Milocevic mitten im Kosovo-Krieg - das meiste hat er schon Dutzende Male in Interviews verlautbart. Überraschend hölzern geraten auch seine Berichte von Gesprächen mit anderen Politikern. Gewohnt treffsicher ist Gysi dann wieder, wo er den rheinischen Antikommunismus mit seinen bisweilen wahnhaften Zügen vorführt oder mit wenigen Anekdoten westdeutsche Denkschemata der Lächerlichkeit preisgibt. Einmal sei er von Eberhard Diepgen auf einem Empfang gebeten worden, sich doch um den sowjetischen Außenminister zu kümmern. Ein anderes Mal, als Boris Jelzin auf einem Bankett betrunken zu brüllen begann, hätten sich die Gesichter zu ihm gewandt - als sei er der Saunafreund des Russen. Und ständig hätten sich Westler bei ihm nach dem Wohlergehen ihrer alten DDR-Bekannten erkundigt.

Grundthema des Buches ist die zunehmende Anerkennung seiner Person und seiner Partei im vereinigten Deutschland. Gysis Ziel war die Verankerung der PDS als politische Kraft links von der SPD, seine Rolle die des Anwalts der Ostdeutschen. Zutreffend analysiert er, dass ihm erst das Versagen aller anderen Parteien die Chance gab, dieser Anwalt zu werden. Doch Gysi irrt, wenn er eine Veränderung der Bundesrepublik als seinen größten Erfolg bezeichnet. Sein historisches Verdienst (und das der PDS) ist, diejenigen Ostdeutschen in die neue Gesellschaftsordnung integriert zu haben, die dem System kritisch gegenüberstanden - als Opposition zwar, aber doch in einer systemimmanenten Funktion. Irgendwann sollte er dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Unter den neun Kapiteln ist das am stärksten, in dem Gysi über den Elitentransfer von West nach Ost räsoniert. In der Tat war es für die alte Bundesrepublik nur zweckrational, nach der Vereinigung die Institutionen, Unternehmen und Eliten der DDR abzuwickeln, "die BRD hatte von allem ausreichend". Die Besten aus dem Osten emigrierten. "Der berühmteste Nierenspezialist der DDR nahm ein Angebot aus Japan an, hervorragende Wissenschaftler aus Jena gingen in die USA. Trainer wechselten nach Frankreich, Österreich, Australien und feierten im Jahr 2000 in Sydney Erfolge mit ihren Teams." Wurde doch irgendwo irgendetwas aus der DDR erhalten, war das ein Gnadenakt und umso demütigender.

In Politik, Wissenschaft und Wirtschaft kamen die neuen Chefs aus dem Westen - mit fatalen Folgen: "Nur ostdeutsche Eliten hätten die ostdeutsche Bevölkerung von der Notwendigkeit der Umstrukturierungen einigermaßen überzeugen können. Nur sie wären auch in der Lage gewesen, durch Selbstwandel eine schrittweise Veränderung des geltenden Wertesystems zu bewirken. Durch die Etablierung der westdeutschen Eliten im Osten galt jede Schließung eines Unternehmens, jeder Arbeitsplatzverlust als fremdbestimmt." Diese Stimmung konnte die PDS nutzen, erzeugt hat sie sie nicht.

Gregor Gysi:Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2001; 384 S., 39,90 DM