Und nicht der Einzige. Zwischen London und Malaga griff ein Fluggast eine Stewardess mit einer Wodkaflasche an und verletzte sie am Kopf. Ein Flug von London nach Orlando, Florida, fand in Boston ein vorzeitiges Ende, weil ein Passagier durchaus eine der Flugbegleiterinnen küssen wollte. Zwischen Bangkok und Budapest verletzte ein Finne zunächst eine Airline-Mitarbeiterin und dann einen zu Hilfe geeilten Piloten. Ein mitreisender Arzt verabreichte ihm eine Beruhigungsspritze. Doch noch bevor das Flugzeug in Istanbul notlanden konnte, starb der Randalierer an einer Allergie. Ähnlich erging es einem 19-Jährigen, der kurz vor der Landung in Salt Lake City das Cockpit der Boeing 737 zu stürmen versuchte und dabei schrie: "Ich kann diese Maschine landen!" Mitflieger stürzten sich auf ihn, hielten ihn fest und brachten ihn zum Schweigen. Dabei erlitt er einen Herzinfarkt. Und nicht vergessen ist schließlich auch der Fall jenes deutschen Urlauber-Jets, der im März 2000 zwischen Teneriffa und Berlin kurzzeitig außer Kontrolle geriet, weil im Cockpit ein blutiger Kampf der Piloten gegen einen wild gewordenen Eindringling tobte.

Nachrichten wie diese scheinen sich zu häufen. Ob die Vorfälle tatsächlich zunehmen, ist jedoch umstritten. Erstens sind die Definitionen unterschiedlich: Was bei der einen Airline als ernster Zwischenfall in die Statistik eingeht, fällt bei der anderen als Bagatelle unter den Tisch. So verzeichnet die Swissair, eine Airline mit jährlich rund 14 Millionen Passagieren, für das Jahr 1999 gut 500 Zwischenfälle, die holländische KLM (16 Millionen Fluggäste) dagegen annähernd 1500. Zweitens unterscheiden sich die Rechtsgrundlagen für den Umgang mit renitenten Passagieren von Land zu Land; damit unterscheiden sich auch die juristischen Maßstäbe.

Unterschiedlich ist auch die Bereitschaft der Fluggesellschaften, über das Problem zu sprechen. Die Lufthansa verweigerte (ebenso wie die KLM) die Zusammenarbeit mit der ZEIT, weil das Problem "zu heikel" sei. Offen gab sich dagegen die Swissair. Von ihren 502 Zwischenfällen im Jahr 1999 fielen 176 in die Kategorie "Alkoholprobleme", 85 hatten mit dem Rauchen zu tun (wie die Lufthansa ist auch die Swissair eine Nichtraucher-Airline), und in 60 Fällen ging es um Beleidigungen; betroffen waren entweder das Flugpersonal oder andere Passagiere. 26-mal entbrannte Streit wegen der Sitzzuteilung, und 18-mal kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen. Sieht man von der schwer fassbaren Gruppe der "Allgemeinen Störungen" ab (in dieser Kategorie sind jene 85 Fälle zusammengefasst, die sich allen übrigen Kriterien verweigern), so sind Vergehen wie Diebstähle, sexuelle Belästigungen oder die Verwendung elektronischer Geräte zahlenmäßig zu vernachlässigen.

Anfällig sind Seeleute und Ölarbeiter

Interessant ist, dass bei allen Airlines, die sich zu dem Problem äußern, die renitenten Fluggäste in allen Klassen zu finden sind. Dagegen gibt es geografische Unterschiede: Bei der Swissair sind die Flüge von der Schweiz nach Thailand sowie jene von und nach den USA besonders stark betroffen. Anfällig sind auch Gruppen heimkehrender Seeleute oder Ölarbeiter (durch längeres Alkoholverbot gestresst) sowie Kegelclubs, Fußballfans und ähnliche sozial homogene und emotionell aufgeheizte Reisegruppen.

Vorbeugen ist auch hier besser als Heilen, und so versuchen alle Fluggesellschaften, problematische Fluggäste schon beim Check-in oder spätestens beim Einsteigen zu erkennen und entweder zu ermahnen oder gar nicht erst an Bord gehen zu lassen. Ist die Maschine aber erst einmal in der Luft, sind vor allem starke Nerven gefragt.

Wie die meisten Fluggesellschaften, so unterscheidet die Swissair drei Stufen von unbotmäßigem Verhalten und reagiert entsprechend differenziert.