Vor einiger Zeit haben wir den Vorschlag gemacht, bei der Regelung der Präimplantationsdiagnostik (PID) ähnlich vorzugehen wie bei der Regelung des Schwangerschaftsabbruchs - also mit der Konstruktion "rechtswidrig, aber straffrei". Diese Überlegung hat Kritik hervorgerufen: Unser Vorschlag sei ein "Schleichweg", hieß es, der den Gesetzgeber in eine schizophrene Situation bringe. Auch lasse er betroffene Frauen und Ärzte in Unklarheit über die Rechtmäßigkeit ihres Tuns.

Dieser Vorwurf ist nicht neu. Er wurde und wird gegen die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts erhoben, die der jetzigen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs vorausging. Das Gericht hatte sich Mühe gegeben, eine Entscheidung zu treffen, mit der eine große Mehrheit der Bevölkerung leben zu können schien. Diese Entscheidung hat für einen relativen Rechtsfrieden gesorgt. Vielleicht reichen die Gesetze der Logik allein angesichts von Grenzsituationen menschlicher Existenz nicht aus, um überzeugende Antworten auf Wertungsfragen zu finden.

Logisch konsequent im Konflikt zwischen dem vorgeburtlichen menschlichen Leben und der Mutter sind nur zwei Haltungen. In der öffentlichen Diskussion stehen sie in einem scharfen Gegensatz zueinander. Für die einen ist der frühe menschliche Keim ein bloßer "Zellhaufen" ohne eigene Rechtsqualität. Aus dieser Perspektive gibt es weder bei der Präimplantationsdiagnostik noch beim Schwangerschaftsabbruch ein rechtliches oder ethisches Problem. Für die anderen hat menschliches Leben von Anfang an Vorrang vor allem anderen; das schließt die Lebensinteressen der Frau ein, die seine physische Entwicklung erst ermöglicht. Daraus folgt, dass jeder Eingriff in diese Entwicklung ethisch unvertretbar und damit strafwürdig sein muss.

Als Grundlage von Gesetzgebung sind beide Positionen untauglich: Beide passen weder zu den Erfahrungen noch zu den Möglichkeiten der Menschen, für die sie Geltung beanspruchen. So leuchtet es einerseits nicht ein, das Leben eines Kindes sei vor seiner Geburt ein rechtliches Nichts. Andererseits kann es nicht sein, dass schwerwiegende Lebensinteressen der zukünftigen Mutter gegenüber dem Schutzgebot für das frühe menschliche Leben rechtlich ohne Bedeutung sein sollten.

Keine ethische Orientierung erspart uns die Erfahrung, dass Werte einander in Grenzsituationen widersprechen können. Deshalb weisen wir den Vorwurf keineswegs zurück, unsere Überlegungen zur Präimplantationsdiagnostik enthielten Widersprüche. Wie die Regelung des Schwangerschaftsabbruchs beweist, kann auch dann Rechtsfrieden erreicht werden, wenn die Gesetzgebung der Widersprüchlichkeit des Lebens Rechnung trägt.

Wir streiten nicht allein für gesetzgeberischen Pragmatismus. Aber im Bereich von Fortpflanzung, Schwangerschaft und Geburt können nur solche ethischen Bewertungen Bestand haben, die weder das vorgeburtliche Leben noch die Frau, die seiner Entwicklung mit der eigenen Person dient, rechtlich dem Interesse des jeweils anderen völlig unterwerfen. Welche Philosophie, Weltanschauung oder Religion in unserer Gesellschaft auch vertreten wird - zu den Grundregeln unseres Zusammenlebens gehört es, dass Gesetze niemals über Lebensinteressen des einen zugunsten des anderen einfach hinweggehen und ihn zum bloßen Instrument eines fremden Interesses machen dürfen. Niemand kann rechtlich gezwungen werden, einem anderen sein Schicksal zu opfern, mögen solche Pflichten auch zu bei uns vorhandenen weltanschaulichen, insbesondere religiösen Traditionen gehören. Das Gesetz kann solch anspruchsvolle Pflichten weder auferlegen noch mit Sanktionen erzwingen wollen. Wie auch immer das Parlament die Fragen der Fortpflanzungsmedizin eines Tages regelt - jede Minderheit muss zu der Mehrheit Vertrauen haben können. Weder das vorgeburtliche menschliche Leben noch das Leben seiner Mutter darf als Quantité négligeable angesehen werden.

Das Verlangen nach einer eindeutigen Regelung entspringt nicht nur dem Bedürfnis nach logischer Konsistenz. Die Forderung nach "glasklaren Lösungen" ist auch Ausdruck des Wunsches, der Gesetzgeber möge den Betroffenen die Verantwortung für ihr Tun abnehmen. Diese Erwartung ist nicht zu erfüllen. Aus ihrer Verantwortung können weder die künftigen Eltern noch die sie betreuenden Ärzte entlassen werden.