Es nimmt also ein Verfahren seinen Lauf, nicht aber schon die Gerechtigkeit. Was hat man nun davon zu halten, dass der Westen unverdrossen auf der Auslieferung des Schergen und Schurken besteht, notfalls mit wirtschaftlichem Druck: Berechtigte Forderung oder anmaßender Eingriff in die serbische Souveränität?

Paradoxerweise war es Milosevic selber, der im Abkommen von Dayton die Rechtsgrundlagen seiner allfälligen Auslieferung unterschrieben hat. Nur bildete er sich damals ein, er werde zu Lebzeiten niemals in eine Lage kommen, in der ein serbischer Staatschef ihn - dem Vertrag zufolge - als Kriegsverbrecher ausliefern könnte; wollte er doch selber auf Lebenszeit herrschen. Aber nun geht es nicht um die Unterwerfung Serbiens, sondern um die Einlösung einer serbischen Unterschrift. Und nicht einmal das Verbot, einen Serben an einen anderen Staat auszuliefern zieht: Das Kriegsverbrecher-Tribunal im Haag ist kein Staat, sondern ein von der Staatengemeinschaft (inkl. Serbiens, wie gesagt) etabliertes Gericht.

Da mag man nun rätseln, ob die gegenwärtig in Belgrad Regierenden noch oder schon die Kraft haben, jene Unterschrift von Dayton einzulösen - und ob es politisch klug ist, einer sich nach und nach etablierenden post-kommunistischen, aber immer noch nationalistischen Regierung mit juristisch durchaus berechtigten Forderungen zu Leibe zu rücken. Aber auf lange Sicht sollte man die Dinge eher umgekehrt sehen: Die Forderung, Milosevic auszuliefern ist eher das beste Gegenmittel, seine etwa subkutan fortwirkende Macht zu brechen - wohingegen die westliche Hinnahme seines Verbleibs in Serbien die Abschreckungswirkung, die das Haager Tribunal auf gegenwärtige, künftige auf Wiedergängertum setzende Diktatoren ausübt, nur untergraben würde.

Es gilt also: Eile - wenn auch mit Weile. Im Übrigen: Die Reaktionen der serbischen Bürger auf die Festnahme ihres einstigen Herrschers und Peinigers sprechen nicht gerade für eine nacheilende und deshalb politisch gefährliche Treue.