Hier also ein Kapitel aus unserem Grundkurs in politischer Taktik:

Erstens: Was macht eine Opposition, die entdeckt, dass ein Minister der Regierung außerordentlich unpopulär ist? Sie stellt einen (wenn auch im Grunde gegenstandslosen und unzulässigen, wir sprachen schon darüber) Entlassungsantrag gegen diesen Minister. Um ihn zu stürzen? Oh, bewahre! Im Gegenteil: Um ihn im Amt zu halten – und die Regierungsmehrheit regelrecht an diesen Asympathen zu fesseln. Denn natürlich muss die Mehrheit einen solchen Antrag wohl oder übel abwehren. (Zur Sicherheit beantragt die Opposition auch noch namentliche Abstimmung.) Und was gibt es Nützlicheres für eine Opposition, als einen Minister, der der Regierung Stimmen kostet. (Wird ein solcher Minister versehentlich tatsächlich gestürzt, dann ist dies allenfalls die zweitbeste Lösung – muss aber sofort als allerbeste Lösung ausgegeben werden; obwohl dies im Grunde dann nur aus Sicht der Regierung zutrifft.)

Zweitens: Was macht ein Wirtschaftsminister mit einem Umweltminister, der ins Kreuzfeuer öffentlicher (und interner!) Kritik geraten ist? Gibt er ihm den letzten Schubs, um ihn endlich loszuwerden? Im Gegenteil, er lobt ihn über den Klee! Das trägt dazu, den armen Kerl im Amt zu halten. Die Folge? Zunächst muss die Mehrheit den Wirtschaftsminister loben, weil er in der schwersten Stunde und so weiter und so fort... Dann muss ihm der Umweltminister danken, obwohl er nun dem Kollegen Wirtschaftsminister völlig in die Hand gefallen ist; denn wenn der ihn nun einmal doch kritisieren sollte, fehlt ihm auch noch der letzte Retter in der letzten Not... Und obwohl Wirtschaftsminister Müller den Umweltminister Trittin für seine starke Position gegen das Kapital lobte, hat er jetzt den schwächsten Umweltminister vor sich, den er sich wünschen kann. Jede® NachfolgerIn könnte ihm mehr Paroli bieten.

Drittens: Was sollen nun die Grünen machen? Das wissen die selber nicht! Eben noch in namentlicher Abstimmung für ihn gestimmt – da kann man erst einmal nicht aus eigenem Antrieb das Gegenteil beschließen. Also sägt man aus dem Hinterhalt. Und die Opposition reibt sich die Hände dazu.

Die größte Gemeinheit, die Trittin nun begehen könnte, wäre dies: Er macht einfach keinen Fehler mehr. Aber so, wie er veranlagt ist, macht er nur dann keine Fehler, wenn er gar nichts mehr tut. Das aber wäre der größte Fehler.

So einfach ist das mit der politischen Taktik. (Wird fortgesetzt.)